Die Wirksamkeit von Cannabis-Präparaten bei chronischen neuropathischen Schmerzen: Eine kritische Betrachtung
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Die Wirksamkeit von Cannabis-Präparaten bei chronischen neuropathischen Schmerzen: Eine kritische Betrachtung

Chronische neuropathische Schmerzen: Eine therapeutische Herausforderung

Chronische neuropathische Schmerzen stellen eine erhebliche Belastung für Betroffene dar und sind oft schwer zu behandeln. Diese Schmerzen entstehen durch Schädigungen des Nervensystems, etwa infolge von Diabetes, Chemotherapien oder Bandscheibenvorfällen. Herkömmliche Schmerztherapien zeigen häufig keine ausreichende Wirkung, weshalb viele Patienten und Ärzte auf alternative Behandlungsmethoden wie Cannabis-Präparate hoffen. Seit 2017 ist in Deutschland die Verschreibung von medizinischem Cannabis bei schweren Fällen möglich, und seit 2024 entfällt die Notwendigkeit eines Betäubungsmittelrezepts.

Die Cochrane-Metaanalyse: Methodik und Fragestellung

Eine aktuelle Metaanalyse der Cochrane Collaboration, durchgeführt von Gülay Ateş und ihrem Team, hat die Wirksamkeit von Cannabis-Präparaten bei chronischen neuropathischen Schmerzen untersucht. Die Forscher analysierten 21 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2.187 Teilnehmern. Dabei wurden drei Arten von Cannabis-Präparaten betrachtet: THC-haltige Medikamente, CBD-Präparate und Kombinationspräparate mit beiden Wirkstoffen. Ziel war es, herauszufinden, ob diese Präparate eine signifikant bessere Wirkung zeigen als Placebos.

Ergebnisse: Keine eindeutige Überlegenheit gegenüber Placebos

Die Auswertung der Studien ergab ein ernüchterndes Bild: Keines der untersuchten Cannabis-Präparate zeigte eine überzeugende Wirksamkeit im Vergleich zu Placebos. Zwar gab es bei den Kombinationspräparaten aus THC und CBD Hinweise auf eine mögliche schmerzlindernde Wirkung – 268 von 1.000 Patienten berichteten von einer deutlichen Besserung, verglichen mit 197 in der Placebo-Gruppe – doch die Qualität der zugrundeliegenden Studien war gering. Viele Studien waren zu kurz angelegt, hatten zu wenige Teilnehmer oder schlossen Patienten mit schweren Begleiterkrankungen aus, was die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt.

Nebenwirkungen: Ein relevanter Faktor

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie sind die Nebenwirkungen der Cannabis-Präparate. Besonders die Kombinationspräparate führten bei fast zwei Dritteln der Teilnehmer zu unerwünschten Effekten wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Schläfrigkeit sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. In der Placebo-Gruppe traten diese Nebenwirkungen nur bei etwa einem Viertel der Teilnehmer auf. Dies zeigt, dass Cannabis-Präparate nicht als nebenwirkungsfrei betrachtet werden können.

Kritik an der Studienlage und zukünftiger Forschungsbedarf

Die Autoren der Metaanalyse betonen, dass die derzeitige Studienlage keine verlässlichen Schlussfolgerungen zulässt. Die Qualität der meisten Studien wird als gering bis sehr gering eingestuft, was bedeutet, dass zukünftige Forschungsergebnisse die aktuellen Erkenntnisse möglicherweise revidieren könnten. Um valide Aussagen treffen zu können, sind größere, methodisch robustere Studien mit einer Dauer von mindestens zwölf Wochen erforderlich. Diese sollten auch Patienten mit körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen einschließen, um die Realität der klinischen Praxis besser abzubilden.

Fazit: Ein komplexes Bild mit vielen Fragezeichen

Die aktuelle Cochrane-Review zeigt, dass die Wirksamkeit von Cannabis-Präparaten bei chronischen neuropathischen Schmerzen weiterhin unklar ist. Während es vereinzelte Hinweise auf eine mögliche Wirkung gibt, sind diese aufgrund der schlechten Studienqualität nicht belastbar. Gleichzeitig dürfen die Nebenwirkungen nicht unterschätzt werden. Es bleibt abzuwarten, ob zukünftige, besser konzipierte Studien ein klareres Bild liefern werden. Bis dahin sollten sowohl Ärzte als auch Patienten die aktuellen Erkenntnisse mit Vorsicht betrachten und alternative Therapieoptionen in Betracht ziehen.

Quiz

Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Was sind chronische neuropathische Schmerzen?
  2. 2. Welche Arten von Cannabis-Präparaten wurden in der Metaanalyse untersucht?
  3. 3. Was ist ein zentrales Ergebnis der Cochrane-Metaanalyse?
  4. 4. Welche Nebenwirkungen traten bei den Kombinationspräparaten häufig auf?
  5. 5. Warum sind die Ergebnisse der Metaanalyse nur bedingt aussagekräftig?
  6. 6. Was fordern die Autoren der Studie für zukünftige Forschungen?
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