Chinas geopolitische Strategie: Multipolare Weltordnung, autoritäre Allianzen und die Neuverhandlung globaler Machtverhältnisse
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Chinas geopolitische Strategie: Multipolare Weltordnung, autoritäre Allianzen und die Neuverhandlung globaler Machtverhältnisse

Der paradigmatische Wandel: Chinas Antwort auf den US-Unilateralismus

Die Videobotschaft von Chinas Präsident Xi Jinping auf dem UN-Klimagipfel 2025 markiert einen symbolträchtigen Moment in der Neuordnung globaler Machtverhältnisse. Während die USA unter Präsident Donald Trump den systematischen Rückzug aus 66 multilateralen Organisationen – darunter die WHO und das UNFCCC – vollzogen, positioniert sich China als Hüter des Multilateralismus. Trumps Begründung, diese Institutionen seien mit den „Interessen der USA“ unvereinbar, offenbart einen tiefgreifenden ideologischen Bruch mit der liberalen Weltordnung. Xi Jinpings Forderung nach einer „gleichberechtigten und geordneten multipolaren Welt“ ist dabei nicht nur rhetorische Gegenposition, sondern Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung, die auf die Erosion der US-Hegemonie abzielt.

Die Rekalibrierung der globalen Einflussarchitektur: Chinas strategische Partnerschaften

Die Umfrage des European Council on Foreign Relations (ECFR), wonach Befragte aus 21 Ländern einen zunehmenden globalen Einfluss Chinas prognostizieren, unterstreicht die geopolitische Verschiebung. Experten wie Claus Soong vom Mercator Institute for China Studies (MERICS) konstatieren eine signifikante Verringerung des Machtgefälles zwischen China und den USA. Chinas „Belt and Road Initiative“ (BRI) fungiert dabei als zentrales Instrument zur Rekonfiguration globaler Handels- und Machtstrukturen. Trotz protektionistischer Maßnahmen der USA verzeichnete China 2025 ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent und verteidigte seinen Status als Exportweltmeister – ein Indiz für die erfolgreiche Diversifizierung seiner Handelsbeziehungen, insbesondere in Richtung Südostasien und des Globalen Südens.

Die Evolution der BRI: Von infrastruktureller Dominanz zu strategischer Resilienz

Die jüngste Anpassung der BRI-Strategie – weg von kapitalintensiven Megaprojekten hin zu kleineren, gezielten Investitionen – reflektiert eine doppelte Zielsetzung: Einerseits soll die Verschuldungsproblematik der Partnerländer entschärft, andererseits die finanzielle Belastung für chinesische Geldgeber reduziert werden. Diese pragmatische Wende demonstriert Chinas Fähigkeit, seine geopolitischen Ambitionen mit ökonomischer Rationalität zu verbinden. Die BRI ist damit nicht nur ein Instrument der Einflussnahme, sondern auch ein Mechanismus zur Absicherung gegen externe Schocks, wie sie durch US-Handelsrestriktionen entstehen.

Autoritäre Synergien: Das CRINK-Bündnis und die Fragmentierung der internationalen Ordnung

Die enge Kooperation Chinas mit autoritär regierten Staaten – bekannt unter dem Akronym CRINK (China, Russland, Iran, Nordkorea) – stellt eine Herausforderung für das westlich dominierte internationale System dar. Während diese Allianz in der UN-Generalversammlung oft geschlossen auftritt, insbesondere bei Themen wie Menschenrechten oder dem Ukraine-Krieg, betont Sabine Mokry vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik die instrumentelle Natur dieser Partnerschaft. Die Zusammenarbeit basiert nicht auf gemeinsamen Werten, sondern auf dem gemeinsamen Interesse, die US-Hegemonie zu untergraben. Das tief verwurzelte Misstrauen zwischen den Partnern limitiert jedoch die Kohäsion dieses Bündnisses und wirft Fragen über dessen langfristige Stabilität auf.

Selektiver Multilateralismus: Chinas strategische Ambivalenz

Chinas Engagement in internationalen Institutionen ist hochgradig selektiv und dient primär der Sicherung des Machterhalts der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Im Gegensatz zu einer vollständigen Übernahme der von den USA hinterlassenen Führungsrollen konzentriert sich Peking auf die Verringerung des US-Einflusses in strategisch relevanten Regionen, insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum. Dies zeigt sich exemplarisch in Chinas Haltung zur WHO, wo der Ausschluss Taiwans als Bedingung für Pekings Engagement fungiert. Diese strategische Ambivalenz – die Ablehnung einer globalen Führungsrolle bei gleichzeitiger Ausweitung regionaler Einflusszonen – kennzeichnet Chinas Ansatz zur Neuverhandlung der globalen Ordnung. Die KPCh priorisiert dabei stets die innere Stabilität und die Absicherung ihrer Herrschaft über eine potenziell destabilisierende globale Verantwortungsübernahme.

Quiz

Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Welche ideologische Position vertritt Xi Jinping gegenüber der von den USA dominierten Weltordnung?
  2. 2. Welche doppelte Zielsetzung verfolgt China mit der Anpassung seiner BRI-Strategie?
  3. 3. Warum ist das CRINK-Bündnis trotz gemeinsamer Abstimmungen in der UNO instabil?
  4. 4. Wie lässt sich Chinas selektives Engagement in internationalen Institutionen erklären?
  5. 5. Welche Rolle spielt der Globale Süden in Chinas geopolitischer Strategie?
  6. 6. Was sagt die Umfrage des *European Council on Foreign Relations* über die Wahrnehmung Chinas aus?
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