Die Isel: Ein ökologisches Juwel und die Herausforderungen des Flussmanagements
Ein letzter freier Gletscherfluss der Alpen
Die Isel in Osttirol ist einer der letzten frei fließenden Flüsse Europas und gilt als der letzte große, unverbaute Gletscherfluss der Alpen. Mit einer Länge von 57 Kilometern entspringt sie am Umbalkees in den Hohen Tauern und mündet bei Lienz in die Drau. Im Gegensatz zu den meisten Flüssen in Mitteleuropa ist die Isel kaum durch künstliche Hindernisse wie Dämme oder Wehre beeinträchtigt. Dies ermöglicht einen natürlichen Austausch von Sedimenten, Wasser und Lebewesen zwischen dem Fluss und seiner Aue. Gabriel Singer, Ökologe an der Universität Innsbruck, bezeichnet die Isel als eine der „ganz besonderen Flussperlen der Alpen“.
Die ökologische Bedeutung freier Flüsse
Freie Flüsse wie die Isel sind weltweit selten. Eine Studie in der Zeitschrift Nature aus dem Jahr 2019 zeigt, dass nur noch etwa ein Viertel aller Flüsse ohne Unterbrechung ins Meer fließen. In dicht besiedelten Regionen wie Mitteleuropa sind ökologisch intakte Flüsse eine Seltenheit: Alpenweit gelten nur elf Prozent der Fließgewässer als unbeeinträchtigt. Die Isel zeichnet sich durch ihre natürliche Abflussdynamik aus, die durch den Gletscher und die alpinen Zuflüsse geprägt wird. Diese Dynamik schafft vielfältige Lebensräume, von Kiesbänken bis zu temporären Überschwemmungsgebieten, die spezialisierten Arten wie der Deutschen Tamariske oder der Türks Dornschrecke einen Lebensraum bieten.
Die Rolle der Abflussdynamik
Die Isel ist ein Gletscherfluss, was bedeutet, dass ihr Wasserstand stark schwankt. Drei Viertel der jährlichen Wassermenge fließen im Sommer ab, während im Winter nur etwa zehn Prozent des Wassers den Fluss speisen. Auch im Tagesverlauf gibt es starke Schwankungen: Durch die Gletscherschmelze steigt der Wasserstand am Nachmittag deutlich an. Diese natürlichen Schwankungen sind entscheidend für die ökologische Funktionsfähigkeit des Flusses. Sie bewegen Sedimente, formen Kiesbänke und schaffen so Lebensräume für spezialisierte Arten. Wolfgang Retter, ein lokaler Naturschützer, betont, dass diese Dynamik erhalten bleiben muss, um die Artenvielfalt zu sichern.
Historischer Widerstand gegen Kraftwerksprojekte
In den 1970er Jahren plante das Land Tirol den Bau eines großen Speicherkraftwerks im Kalser Dorfertal, das die Isel und ihre Zuflüsse stark beeinträchtigt hätte. Ein 220 Meter hoher Damm sollte einen riesigen Stausee schaffen, der das Wasser von 20 Bächen aus den Hohen Tauern aufnehmen sollte. Wolfgang Retter und andere engagierte Bürger gründeten einen Landschaftsschutzverein und kämpften 16 Jahre lang gegen das Projekt. Ihr Widerstand führte schließlich dazu, dass das Projekt 1989 vom österreichischen Wirtschaftsminister gestoppt wurde. Retter sieht den Hauptgrund für den Erfolg in der sinkenden Wirtschaftlichkeit des Projekts, da der Strompreis durch neue Technologien stark gefallen war.
Aktuelle Bedrohungen und Schutzmaßnahmen
Trotz des historischen Sieges ist die Isel nicht vollständig vor Bedrohungen geschützt. Im Mai 2024 lehnte das Land Tirol zwar ein neues Kraftwerksprojekt am Kalserbach ab, doch die Gemeinde Kals legte Beschwerde ein. Ein solches Kraftwerk würde nicht nur die Abflussdynamik der Isel stören, sondern auch den genetischen Austausch zwischen den Tamariskenpopulationen unterbrechen. Gabriel Singer betont, dass Flüsse wie die Isel nur dann ökologisch intakt sein können, wenn ihr gesamtes Netzwerk aus Zuflüssen und Hauptfluss frei fließen kann. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 25.000 Kilometer freie Fließstrecken wiederherzustellen. Die Isel dient dabei als Modell für integrales Flussmanagement, das sowohl Hochwasserschutz als auch den Erhalt der Biodiversität berücksichtigt.