Die Kurden: Ein Volk im Spannungsfeld geopolitischer Interessen und historischer Ungerechtigkeiten
Die historische Marginalisierung der Kurden: Vom Vertrag von Sèvres zum Vertrag von Lausanne
Die Kurden, mit einer geschätzten Population von 30 bis 35 Millionen Menschen, stellen das größte Volk ohne eigenen Staat dar. Ihre historische Heimat in Mesopotamien, zwischen Euphrat und Tigris, wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch die Siegermächte willkürlich zerteilt. Der Vertrag von Sèvres (1920) sah zunächst die Gründung eines unabhängigen Kurdistan vor, doch dieser Plan wurde durch den Vertrag von Lausanne (1923) endgültig verworfen. Stattdessen wurde das kurdische Siedlungsgebiet auf die Türkei, Syrien, den Irak und den Iran aufgeteilt. Diese politische Fragmentierung legte den Grundstein für die systematische Unterdrückung der Kurden in den folgenden Jahrzehnten.
Systematische Repression und kultureller Genozid: Fallbeispiele aus Syrien, der Türkei und dem Irak
In allen vier Staaten wurden die Kurden Opfer staatlicher Repression und kultureller Assimilation. In Syrien verloren 1962 rund 120.000 Kurden im Zuge einer manipulierten Volkszählung ihre Staatsbürgerschaft und wurden zu Staatenlosen erklärt. Die syrische Regierung verfolgte eine aggressive Arabisierungspolitik, die kurdische Sprache, Kultur und sogar Namen verbot. In der Türkei war der Gebrauch der kurdischen Sprache bis vor wenigen Jahren strafbar, und die kurdische Identität wurde offiziell geleugnet. Im Irak gipfelte die Unterdrückung unter Saddam Hussein in genozidalen Verbrechen, darunter der Giftgasangriff auf Halabdscha 1988, bei dem mindestens 5.000 Zivilisten ermordet wurden.
Die Kurden in Syrien: Zwischen militärischer Selbstbehauptung und internationaler Isolation
Während des syrischen Bürgerkriegs nutzten die Kurden die Schwäche des Assad-Regimes, um im Nordosten des Landes eine de facto autonome Verwaltung aufzubauen. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) avancierten zu einem unverzichtbaren Partner der internationalen Anti-IS-Koalition und kontrollierten strategisch wichtige Regionen. Doch die jüngsten militärischen Offensiven der syrischen Regierungstruppen, unterstützt von dschihadistischen Paramilitärs und möglicherweise der Türkei, haben die SDF massiv zurückgedrängt. Die Kurden fühlen sich von ihren internationalen Partnern verraten und fordern eine verfassungsrechtlich verankerte Autonomie sowie die Anerkennung ihrer kulturellen und politischen Identität.
Die Türkei: Der gescheiterte Friedensprozess und die Instrumentalisierung des Kurdenkonflikts
In der Türkei leben etwa 15 bis 18 Millionen Kurden, die über Jahrzehnte hinweg als Bedrohung für die nationale Einheit betrachtet wurden. Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die seit 1984 einen bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat führte, kündigte im Mai 2025 ihre Auflösung an und signalisierte Bereitschaft zur Entwaffnung. Doch der Friedensprozess stagniert. Die kurdische Seite fordert die Freilassung inhaftierter Politiker, das Ende der Zwangsverwaltung in kurdischen Städten und eine Überprüfung der Haftbedingungen von Abdullah Öcalan, dem seit 1999 inhaftierten PKK-Gründer. Gleichzeitig wirft die kurdische Führung der türkischen Regierung vor, im Inland über Frieden zu verhandeln, während sie in Syrien militärische Offensiven gegen kurdische Gebiete unterstützt.
Geopolitische Implikationen und die Rolle der internationalen Gemeinschaft
Die Kurdenfrage ist ein zentraler Faktor in den geopolitischen Konflikten des Nahen Ostens. Die internationale Gemeinschaft steht in der Verantwortung, die Kurden in ihrem Kampf um Autonomie und kulturelle Anerkennung zu unterstützen. Doch die divergierenden Interessen der Großmächte – insbesondere der USA, Russlands und der EU – erschweren eine nachhaltige Lösung. Die größte kurdische Diaspora lebt heute in Europa, vor allem in Deutschland, wo sie sich für die Rechte der Kurden in ihrer Heimat engagiert. Die historische Ungerechtigkeit, die den Kurden widerfahren ist, bleibt eine der drängendsten humanitären und politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.