Das Massengrab von Gomolava: Neue Erkenntnisse zu einem rätselhaften Ritual der Eisenzeit
Ein Massengrab mit brutalen Spuren
In den 1970er-Jahren entdeckten Archäologen in Gomolava, Serbien, ein Massengrab aus der Eisenzeit. Es enthielt die Überreste von 77 Menschen, überwiegend Kinder und junge Frauen. Die Opfer wiesen schwere Schädelverletzungen auf und waren teilweise durch Pfeil- oder Speerstiche getötet worden. Neben den menschlichen Überresten fanden sich auch Tierkadaver, verbranntes Getreide, zerbrochene Mahlsteine sowie bronzener Schmuck und Keramik. Diese Funde deuten auf ein rituelles Geschehen hin, dessen genauer Hintergrund jedoch unklar bleibt.
Strategische Gewalt gegen Schwache
Neue Untersuchungen unter der Leitung von Linda Fibiger von der University of Edinburgh widerlegen frühere Annahmen, wonach die Toten Opfer einer Epidemie oder eines Überfalls waren. Stattdessen handelt es sich um gezielte Gewalt gegen Frauen und Kinder – ein für die vorgeschichtliche Zeit beispielloses Ausmaß. Die Opfer waren nicht miteinander verwandt und stammten aus verschiedenen Regionen, was auf eine gezielte Auswahl hindeutet. Die meisten Männer in dem Grab waren jünger als 18 Jahre, und nur eine Person war älter als 45.
Ein ritueller Kontext
Die Forscher vermuten, dass die Opfer lebend in das Grab gebracht wurden. Die Zusammensetzung der Toten – überwiegend Personen ohne militärischen Wert, aber mit hohem symbolischem oder sozialem Status – erinnert an rituelle Praktiken, bei denen wertvolle Gegenstände zerstört und deponiert wurden. Die Wahl des Ortes unterstreicht diese Interpretation: Gomolava war seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. ein bedeutender kultureller Ort, der möglicherweise als Landmarke diente.
Historischer Hintergrund: Umbrüche in der Pannonischen Tiefebene
Zur Zeit der Grablegung im 9. Jahrhundert v. Chr. befand sich die Region in einem tiefgreifenden Wandel. Halbnomadische Hirtengruppen breiteten sich aus, während andere Gemeinschaften verlassene Festungen wiederbesiedelten. Diese Spannungen zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen könnten den Hintergrund für das Massengrab bilden. Genetische Analysen zeigen, dass die Opfer am ehesten zu lang ansässigen Populationen passten, doch ihre genaue Zugehörigkeit bleibt unklar.
Offene Fragen und Forschungsausblick
Trotz der neuen Erkenntnisse bleiben viele Fragen offen. Warum wurden gerade diese Menschen ausgewählt? Welche Gruppe führte das Ritual durch, und was war dessen genauer Zweck? Die Forscher hoffen, durch weitere genetische und archäologische Untersuchungen mehr über die kulturellen und sozialen Dynamiken dieser Zeit zu erfahren. Das Massengrab von Gomolava wirft ein Schlaglicht auf die komplexen und oft brutalen Rituale der Eisenzeit.