Das Massengrab von Gomolava: Ein archäologisches Zeugnis ritueller Gewalt in der Eisenzeit
Rekonstruktion eines brutalen Rituals
Das Massengrab von Gomolava, gelegen am Ufer der Save im heutigen Serbien, stellt eines der rätselhaftesten archäologischen Funde der europäischen Eisenzeit dar. Bereits in den 1970er-Jahren ausgegraben, offenbart die Stätte bei neuerlichen Untersuchungen unter der Leitung von Linda Fibiger von der University of Edinburgh ein Szenario gezielter Gewalt gegen 77 Individuen, überwiegend Kinder und junge Frauen. Die Opfer wiesen massive Schädelverletzungen sowie Spuren von Pfeil- und Speerstichen auf. Begleitet wurden die menschlichen Überreste von Tierkadavern, verbranntem Getreide, zerbrochenen Mahlsteinen, bronzenem Schmuck und Keramik – ein Ensemble, das auf ein komplexes rituelles Geschehen hindeutet.
Gezielte Gewalt und soziale Selektion
Die neuen Analysen widerlegen frühere Hypothesen, die eine Epidemie oder einen kriegerischen Überfall als Todesursache annahmen. Stattdessen zeigt sich ein Muster strategischer Gewalt, das sich gezielt gegen nicht-kämpfende Bevölkerungsgruppen richtete. Von den 72 identifizierbaren Opfern waren lediglich 21 männlich, wobei nur drei davon das Erwachsenenalter erreicht hatten. Die überwiegende Mehrheit der Toten bestand aus Kindern und Frauen im gebärfähigen Alter – eine Gruppe, die zwar militärisch keine Bedrohung darstellte, jedoch von hohem sozialem und reproduktivem Wert war. Genetische und isotopische Untersuchungen belegen zudem, dass die Opfer aus verschiedenen Regionen stammten und nicht miteinander verwandt waren, was auf eine bewusste Auswahl hindeutet.
Rituelle Deponierung und symbolische Zerstörung
Die Art der Bestattung legt nahe, dass die Opfer lebend in die Grube gebracht wurden. Die Kombination aus menschlichen Überresten, geschlachteten Tieren und zerbrochenen Gegenständen erinnert an die in der Eisenzeit verbreitete Praxis der rituellen Deponierung, bei der wertvolle Objekte symbolisch „geopfert“ wurden. Die Wahl des Ortes unterstreicht diesen Kontext: Gomolava war seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. ein zentraler kultureller Ort, der möglicherweise als Landmarke und rituelles Zentrum fungierte. Die Zerstörung von Mahlsteinen und die Verbrennung von Getreide könnten auf eine bewusste Unterbrechung des landwirtschaftlichen Zyklus hindeuten – ein Akt, der mit Krisen oder Übergangsriten in Verbindung stehen könnte.
Historischer Kontext: Migration und kulturelle Spannungen
Die Grablegung fällt in eine Phase tiefgreifender Umbrüche in der Pannonischen Tiefebene. Im 9. Jahrhundert v. Chr. breiteten sich halbnomadische Hirtengruppen in der Region aus, während andere Gemeinschaften verlassene Festungen wiederbesiedelten. Diese Dynamiken führten zu Spannungen zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen, die unterschiedliche Lebensweisen verfolgten. Genetische Daten deuten darauf hin, dass die Opfer des Massengrabs am ehesten zu lang ansässigen Populationen passten, doch ihre genaue kulturelle Zugehörigkeit bleibt unklar. Ob es sich bei den Tätern um konkurrierende Gruppen oder um Mitglieder der eigenen Gemeinschaft handelte, ist eine der zentralen offenen Fragen.
Forschungsdesiderate und methodische Herausforderungen
Trotz der Fortschritte bleiben zahlreiche Aspekte des Massengrabs von Gomolava ungeklärt. Die Motivation hinter der gezielten Auswahl der Opfer, die Identität der Täter sowie der genaue rituelle Kontext bedürfen weiterer Untersuchungen. Moderne Methoden wie genomische Analysen, detaillierte Isotopenstudien und die Rekonstruktion sozialer Netzwerke könnten hier neue Erkenntnisse liefern. Das Massengrab wirft nicht nur Licht auf die brutalen Praktiken der Eisenzeit, sondern auch auf die komplexen sozialen und kulturellen Dynamiken einer Epoche im Umbruch.