Neue Erkenntnisse zu einem mittelalterlichen Erdstall in Sachsen-Anhalt
Ein ungewöhnlicher Fund in Reinstedt
Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben in Reinstedt, einem Ortsteil von Falkenstein, einen bemerkenswerten Erdstall entdeckt. Dieser unterirdische Gang stammt aus dem Spätmittelalter und wurde innerhalb einer jungsteinzeitlichen Grabenanlage aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. gefunden. Die Entdeckung wirft neue Fragen über die Nutzung und Bedeutung solcher Erdställe auf.
Die jungsteinzeitliche Grabenanlage und ihre Bedeutung
Die Grabenanlage, in der der Erdstall entdeckt wurde, ist typisch für die Baalberger Kultur, die während der Jungsteinzeit im Mittelelbe-Saale-Gebiet siedelte. Diese trapezförmige Anlage wurde im 4. Jahrtausend v. Chr. errichtet. Innerhalb der Anlage fanden die Archäologen zudem Gräber aus der späten Jungsteinzeit (3. Jahrtausend v. Chr.) und der Bronzezeit (2. Jahrtausend v. Chr.). Dies deutet darauf hin, dass der Ort über einen sehr langen Zeitraum hinweg von Bedeutung war.
Merkmale und Funde im Erdstall
Der Erdstall selbst ist etwa zwei Meter lang, bis zu 0,7 Meter breit und maximal 1,25 Meter hoch. Die Decke des Ganges ist spitzgiebelartig geformt, was auf eine sorgfältige Bauweise hindeutet. Im Inneren des Erdstalls fanden die Archäologen zahlreiche Artefakte: Keramikreste aus dem Spätmittelalter, Holzkohlereste, ein Hufeisen, Knochen von Kleintieren und sogar ein vollständiges Fuchsskelett. Eine Stufe führte in den Gang, in dem auch eine Nische und ein Steinhaufen entdeckt wurden. Diese Funde legen nahe, dass der Erdstall möglicherweise verschlossen werden sollte.
Theorien zur Nutzung von Erdställen
Die Funktion von Erdställen ist bis heute nicht abschließend geklärt. Sie sind in einem Gebiet verbreitet, das von Süddeutschland über Österreich bis nach Tschechien und die Slowakei reicht. Häufig wurden sie zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert mit Bergbaumethoden in den Untergrund gegraben. Theorien zur Nutzung reichen von Verstecken bei Überfällen bis hin zu Räumen für religiöse oder kultische Handlungen. Im Fall des Erdstalls in Reinstedt könnte die Nähe zur jungsteinzeitlichen Grabenanlage eine Rolle gespielt haben. Vielleicht war die Anlage im Mittelalter noch sichtbar und half den Menschen, den Ort wiederzufinden. Eine andere Möglichkeit ist, dass die heidnische Aura des Ortes ihn besonders geeignet für ein Versteck oder einen Zufluchtsort machte.
Bedeutung der Entdeckung
Die Entdeckung des Erdstalls in Reinstedt ist von großer Bedeutung für die Erforschung mittelalterlicher Erdställe. Sie zeigt, wie komplex die Nutzung und Wahrnehmung historischer Stätten über die Jahrhunderte hinweg sein kann. Die Funde im Erdstall bieten wertvolle Einblicke in das Leben und die Bräuche der Menschen im Spätmittelalter und könnten helfen, die Rätsel um diese mysteriösen unterirdischen Anlagen weiter zu entschlüsseln.