Neurodiversität und die Erfüllung psychologischer Grundbedürfnisse: Ein Paradigmenwechsel in der Betrachtung von Wohlbefinden und Stress
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Neurodiversität und die Erfüllung psychologischer Grundbedürfnisse: Ein Paradigmenwechsel in der Betrachtung von Wohlbefinden und Stress

Die Komplexität neurodivergenten Wohlbefindens

Neurodivergente Individuen, insbesondere solche mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), berichten im Vergleich zu neurotypischen Personen häufig von erhöhten Stressleveln und reduzierter Lebenszufriedenheit. Diese Diskrepanz ist jedoch nicht monokausal auf die Diagnosen selbst zurückzuführen. Vielmehr offenbart eine aktuelle Studie im British Journal of Psychology, dass das subjektive Wohlbefinden maßgeblich von der Erfüllung dreier psychologischer Grundbedürfnisse abhängt: Autonomie, Kompetenz und soziale Zugehörigkeit. Diese Erkenntnis stellt herkömmliche pathologisierende Perspektiven infrage und plädiert für einen bedürfnisorientierten Ansatz.

Empirische Evidenz: Studiendesign und zentrale Befunde

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung von Jan van Rijswijk von der Fernuniversität Heerlen führte zwei methodisch komplementäre Studien durch. Die erste Studie basierte auf einer quantitativen Analyse von Daten aus einer Stichprobe von 2157 Erwachsenen, von denen etwa 250 neurodivergente Diagnosen wie ASS, ADHS, Lese-Rechtschreib-Störung oder Hochbegabung aufwiesen. Die Ergebnisse zeigten signifikant höhere Stress- und Depressionswerte sowie eine geringere Lebenszufriedenheit bei Personen mit ASS oder ADHS, während Hochbegabte und Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche keine vergleichbaren Muster aufwiesen.

Die zweite Studie nutzte einen qualitativen Ansatz und analysierte mithilfe maschineller Lernverfahren über 2200 autobiografische Berichte von Betroffenen, die auf der Plattform Reddit veröffentlicht wurden. Die KI-gestützte Auswertung fokussierte sich auf die Erfüllung der drei psychologischen Grundbedürfnisse. Die Resultate waren konsistent: Unabhängig von der spezifischen neurodivergenten Ausprägung korrelierte die Erfüllung dieser Bedürfnisse mit einem höheren Wohlbefinden und geringeren Stressleveln.

Theoretische Implikationen: Von der Pathologisierung zur Bedürfnisorientierung

Die Studie untermauert die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, die Autonomie, Kompetenz und soziale Zugehörigkeit als universelle psychologische Grundbedürfnisse postuliert. Die Ergebnisse legen nahe, dass neurodivergente Menschen nicht per se ein geringeres Wohlbefinden aufweisen, sondern dass dieses stark von kontextuellen Faktoren abhängt. Dies stellt die gängige Praxis infrage, neurodivergente Diagnosen primär als individuelle „Störungen“ zu behandeln, und fordert stattdessen eine systemische Perspektive, die Umweltfaktoren und strukturelle Bedingungen in den Blick nimmt.

Praktische Konsequenzen: Gestaltung inklusiver Lebens- und Arbeitswelten

Die Autoren der Studie plädieren für einen Paradigmenwechsel in der Gestaltung von Lebens- und Arbeitsumgebungen. Statt neurodivergente Individuen an normativ geprägte Strukturen anzupassen, sollten diese Strukturen flexibler und bedürfnisorientierter gestaltet werden. Konkrete Maßnahmen umfassen: - Flexible Arbeitsmodelle: Individuelle Arbeitszeiten und Homeoffice-Optionen, die Autonomie fördern. - Klare und konstruktive Rückmeldungen: Regelmäßiges Feedback, das das Kompetenzgefühl stärkt. - Soziale Sicherheit und Inklusion: Schaffung von Räumen, die soziale Zugehörigkeit ermöglichen, ohne Überforderung zu provozieren. - Rückzugsmöglichkeiten: Bereitstellung von „Safe Spaces“, um Reizüberflutungen zu vermeiden.

Kritik an diagnostischen Kategorien und sprachliche Repräsentation

Die Studie wirft auch ein kritisches Licht auf die aktuellen diagnostischen Kategorien, die Neurodiversität als „Störung“ klassifizieren. Viele Betroffene empfinden diese Terminologie als stigmatisierend und betonen, dass Neurodiversität eine natürliche Variante menschlicher Kognition darstellt. Diese Perspektive gewinnt zunehmend an Bedeutung in Selbsthilfegruppen und wissenschaftlichen Diskursen. Organisationen wie Autismus Deutschland e.V. verwenden daher eine Vielzahl von Begriffen, um der Diversität der Selbstwahrnehmungen gerecht zu werden, darunter „autistische Menschen“, „Menschen mit Autismus“ oder „neurodivergente Personen“.

Fazit: Ein Aufruf zu strukturellen Veränderungen

Die Studie von van Rijswijk und Kollegen unterstreicht die Notwendigkeit, strukturelle Bedingungen zu schaffen, die das Wohlbefinden neurodivergenter Menschen fördern. Dies erfordert nicht nur individuelle Anpassungen, sondern auch gesellschaftliche und institutionelle Veränderungen. Zukünftige Forschungen sollten untersuchen, wie bedürfnisorientierte Maßnahmen in verschiedenen Kontexten – etwa im Bildungswesen, am Arbeitsplatz oder im Gesundheitssektor – implementiert werden können, um eine inklusivere und gerechtere Gesellschaft zu gestalten.

Quiz

Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Welche drei psychologischen Grundbedürfnisse sind laut der Studie entscheidend für das Wohlbefinden neurodivergenter Menschen?
  2. 2. Wie viele Erwachsene wurden in der quantitativen Studie untersucht, und wie viele davon waren neurodivergent?
  3. 3. Welche Methode wurde in der zweiten Studie verwendet, um die autobiografischen Berichte zu analysieren?
  4. 4. Welche konkreten Maßnahmen schlagen die Autoren vor, um inklusivere Lebens- und Arbeitswelten zu gestalten?
  5. 5. Warum kritisieren viele Betroffene die aktuellen diagnostischen Kategorien?
  6. 6. Welche theoretischen Implikationen ergeben sich aus den Studienergebnissen?
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