Die uralte Geschichte des HPV16-Virus: Neue Erkenntnisse durch Ötzi und den Mann von Ust‘-Ishim
Die Bedeutung von Ötzi für die Wissenschaft
Ötzi, die berühmte Eismumie aus den Tiroler Alpen, ist eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Seit seinem Fund im Jahr 1991 haben Wissenschaftler seinen Körper und seine Besitztümer intensiv untersucht. Diese Forschungen liefern wertvolle Einblicke in das Leben, die Gesundheit und die Umweltbedingungen der Kupferzeit. Nun hat ein internationales Forschungsteam eine weitere bahnbrechende Entdeckung gemacht: Ötzi war mit dem humanen Papillomavirus HPV16 infiziert.
HPV16: Ein weitverbreitetes und gefährliches Virus
Das humane Papillomavirus HPV16 ist heute einer der häufigsten sexuell übertragbaren Erreger weltweit. Schätzungen zufolge infizieren sich 50 bis 80 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens mit HPV. Während die meisten Infektionen symptomlos verlaufen, kann HPV16 schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Es ist einer der Hauptverursacher von Gebärmutterhalskrebs, kann aber auch Rachenkrebs, Analkarzinome und Prostatakrebs auslösen. Trotz seiner klinischen Bedeutung war über den Ursprung und die evolutionäre Geschichte dieses Virus bisher wenig bekannt.
Bahnbrechende Funde: HPV16 in urzeitlichen menschlichen Überresten
Ein Forschungsteam um Juliana Yazigi von der Föderalen Universität Sao Paulo hat das Erbgut von Ötzi und dem 45.000 Jahre alten Mann von Ust‘-Ishim aus Sibirien analysiert. Beide trugen genetische Spuren von HPV16 in sich. Dies ist der bisher älteste Nachweis dieses Virus beim Homo sapiens. Die Entdeckung widerlegt die gängige Annahme, dass unsere Vorfahren das Virus erst durch den Kontakt mit Neandertalern erhielten. Stattdessen deuten die Funde darauf hin, dass HPV16 bereits in den frühen Populationen des Homo sapiens präsent war.
Die genetische Vielfalt von HPV16
Die Studie zeigt auch, dass verschiedene Sublinien von HPV16 bereits in der Urzeit existierten. Ötzi trug die Sublinie HPV16-A1, die heute in Europa am häufigsten vorkommt. Der Mann von Ust‘-Ishim hingegen war mit der Sublinie HPV16-A4 infiziert, die heute vor allem in Asien verbreitet ist. Diese Ergebnisse unterstreichen die lange und komplexe Evolutionsgeschichte des Virus und seine Anpassung an verschiedene menschliche Populationen.
Implikationen für die Erforschung der Virenevolution
Die neuen Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis der Virenevolution. Sie zeigen, dass HPV16 möglicherweise schon mit den frühen Migrationsbewegungen des Homo sapiens aus Afrika nach Europa und Asien gelangte. Dies wirft neue Fragen über die Rolle von Neandertalern und anderen archaischen Menschenformen in der Verbreitung des Virus auf. Weitere genetische Analysen könnten helfen, die genaue Herkunft und Ausbreitungsgeschichte von HPV16 zu klären.