Cereulid in Säuglingsnahrung: Ursachen, Risiken und regulatorische Konsequenzen
Hintergrund und Ausmaß des Rückrufs
Seit Ende 2025 häufen sich Rückrufe von Säuglingsmilchpulver durch führende Hersteller wie Danone und Nestlé. Der Grund ist das Bakterientoxin Cereulid, das in mehreren Chargen nachgewiesen wurde. Betroffen sind über 60 Länder, darunter auch Deutschland. Cereulid kann bei Säuglingen schwere gastrointestinale Symptome wie Erbrechen und Durchfall auslösen. In Extremfällen kann es zu lebensbedrohlichem Organversagen kommen. Obwohl in Deutschland bisher keine Fälle bestätigt wurden, gibt es in Europa erste Berichte über erkrankte Babys.
Das Toxin Cereulid und seine Eigenschaften
Cereulid wird von emetischen Stämmen des Bakteriums Bacillus cereus produziert. Diese Bakterien sind ubiquitär verbreitet und kommen in einer Vielzahl von Lebensmitteln vor, darunter Reis, Milchprodukte, Fleisch und Gemüse. Bekannt sind sie vor allem als Verursacher des "Fried Rice Syndrome", einer Lebensmittelvergiftung, die durch den Verzehr von aufgewärmten Speisen ausgelöst wird. Während die Sporen von Bacillus cereus in trockenem Milchpulver normalerweise inaktiv bleiben, können sie sich in angerührter Milch bei Raumtemperatur oder der typischen Trinktemperatur von 40°C vermehren und Cereulid produzieren.
Mögliche Kontaminationsquellen
Die aktuelle Kontamination mit Cereulid ist ungewöhnlich, da das Toxin direkt im Milchpulver nachgewiesen wurde. Experten vermuten, dass das Gift über ein Öl in die Säuglingsnahrung gelangte, das Arachidonsäure enthält. Arachidonsäure ist eine Omega-6-Fettsäure, die für die Gehirnentwicklung von Säuglingen essenziell ist und daher vielen Milchpulvern zugesetzt wird. Die Produktion dieser Fettsäure erfolgt durch bakterielle Fermentation, was das Risiko einer Kontamination mit Bacillus cereus erhöht. Der weltweit größte Hersteller von Arachidonsäure, die chinesische Firma Cabio, könnte eine zentrale Rolle in der Kontaminationskette spielen.
Regulatorische Maßnahmen und Sicherheitsstandards
Als Reaktion auf die Kontamination hat die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) erstmals einen Grenzwert für Cereulid in Säuglingsanfangsnahrung festgelegt. Der Grenzwert von 0,054 Mikrogramm pro Liter zubereiteter Milch basiert auf einer akuten Referenzdosis von 0,14 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Dieser Wert berücksichtigt das maximale tägliche Milchvolumen, das ein Säugling aufnehmen kann. Die Festlegung des Grenzwerts ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Lebensmittelsicherheit, da bisher keine spezifischen Regelungen für Cereulid in Säuglingsnahrung existierten.
Empfehlungen für Eltern und Verbraucher
Eltern sollten die betroffenen Chargen nicht verwenden und die Milch direkt nach dem Anrühren verabreichen, um eine Vermehrung der Bakterien zu verhindern. Aktuelle Informationen zu zurückgerufenen Produkten sind auf der Website lebensmittelwarnung.de verfügbar. Zudem hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine FAQ-Seite zu Cereulid veröffentlicht, die wichtige Fragen zur Sicherheit von Säuglingsnahrung beantwortet.