Die rasante Ausbreitung der Nigriventis-Mauereidechse und ihre Auswirkungen auf den Farbpolymorphismus
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Die rasante Ausbreitung der Nigriventis-Mauereidechse und ihre Auswirkungen auf den Farbpolymorphismus

Der Farbpolymorphismus der Mauereidechsen: Ein Millionen Jahre altes Gleichgewicht

Mauereidechsen (Podarcis muralis) sind in Europa weit verbreitet und zeichnen sich durch einen bemerkenswerten Farbpolymorphismus aus. Die Männchen dieser Art besitzen eine von drei Kehlfarben: weiß, gelb oder orange. Diese Farben sind nicht nur ein optisches Merkmal, sondern korrelieren mit unterschiedlichen Verhaltensstrategien, sozialen Interaktionen und Fortpflanzungserfolgen. Über Millionen von Jahren existierten diese Farbvarianten stabil nebeneinander, dank eines Mechanismus namens negative frequenzabhängige Selektion. Dieser sorgt dafür, dass seltene Farbvarianten von den Weibchen bevorzugt werden, wodurch die genetische Vielfalt erhalten bleibt.

Das Auftauchen der Nigriventis-Variante

In den letzten Jahren hat sich jedoch eine neue Farbvariante in Italien ausgebreitet: die Nigriventis-Mauereidechse. Diese Echsen sind durch ein markantes grün-schwarzes Muster gekennzeichnet und unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch in ihrem Verhalten von den traditionellen Farbvarianten. Die Nigriventis-Echsen sind größer, aggressiver und setzen sich in Kämpfen um Territorien und Paarungspartner durch. Seit ihrem ersten Auftreten in Rom breiten sie sich rasant über Italien und den Alpenraum aus.

Die Zerstörung des alten Gleichgewichts

Die Ausbreitung der Nigriventis-Variante hat dramatische Folgen für den etablierten Farbpolymorphismus. Überall, wo die „Hulk“-Echsen – wie sie aufgrund ihrer Größe und Aggressivität genannt werden – auftauchen, verschwinden die gelben und orangenen Kehlfarben. Übrig bleiben nur noch die weißen Kehlen. Dies stellt einen radikalen Bruch mit dem bisherigen Gleichgewicht dar. Die negative frequenzabhängige Selektion, die über Jahrmillionen die Vielfalt sicherte, scheint nicht mehr zu funktionieren. Die Nigriventis-Echsen dominieren die sozialen und sexuellen Interaktionen und verändern damit die Spielregeln der Evolution.

Genetische Analysen und ihre Bedeutung

Ein internationales Forschungsteam um Tobias Uller von der Universität Lund hat die genetischen Grundlagen dieser Veränderungen untersucht. Die Analysen zeigen, dass mit der Ausbreitung der Nigriventis-Variante genetische Varianten verloren gehen, die mit den gelben und orangenen Kehlfarben assoziiert sind. Interessanterweise handelt es sich dabei nicht um einen einfachen genetischen „Mitfahrer-Effekt“, bei dem Gene für ein Merkmal mit denen eines anderen verknüpft sind. Vielmehr scheint die Dominanz der Nigriventis-Echsen auf ihrer erhöhten Aggressivität und Körpergröße zu beruhen, die ihnen einen Vorteil in sozialen und sexuellen Selektionsprozessen verschafft.

Evolutionäre Implikationen und zukünftige Forschung

Die Studie von Uller und seinen Kollegen wirft wichtige Fragen über die Stabilität evolutionärer Gleichgewichte auf. Sie zeigt, dass selbst Systeme, die über Millionen von Jahren stabil waren, durch das Auftreten neuer Merkmale oder Arten schnell destabilisiert werden können. Die Nigriventis-Mauereidechse ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie schnell evolutionäre Prozesse ablaufen können. Zukünftige Forschungen werden zeigen, ob sich die traditionellen Farbvarianten wieder erholen können oder ob die „Hulk“-Echsen langfristig die einzige verbleibende Variante sein werden.

Quiz

  1. 1. Welche Kehlfarben besitzen die männlichen Mauereidechsen traditionell?



  2. 2. Was ist die negative frequenzabhängige Selektion?


  3. 3. Wie unterscheidet sich die Nigriventis-Variante von den traditionellen Farbvarianten?



  4. 4. Warum verschwindet der Farbpolymorphismus mit der Ausbreitung der Nigriventis-Echsen?


  5. 5. Was zeigen die genetischen Analysen der Nigriventis-Echsen?



  6. 6. Welche Bedeutung hat die Studie für die Evolutionsforschung?


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