Candida albicans als onkogener Kofaktor: Molekulare Mechanismen und therapeutische Implikationen
Die ambivalente Rolle von Candida albicans im humanen Mikrobiom
Candida albicans, ein dimorpher Hefepilz, zählt zu den häufigsten kommensalen Mikroorganismen des Menschen. Bei etwa 75 % der Bevölkerung besiedelt er asymptomatisch Haut und Schleimhäute, kann jedoch bei Immunsuppression systemische Mykosen auslösen. Jüngste Forschungsergebnisse deuten nun darauf hin, dass dieser Pilz eine bisher unbekannte onkogene Funktion besitzt, insbesondere in der Progression maligner Melanome.
Pathomechanismen der Krebsprogression
Eine Studie unter der Leitung von Leire Aparicio Fernández an der Universität des Baskenlands hat gezeigt, dass Candida albicans die Metastasierung von Melanomen signifikant beschleunigen kann. In vitro-Experimente demonstrierten, dass sowohl lebende als auch abgetötete Pilzzellen die Motilität von Melanomzellen erhöhen und ihre Adhäsion an hepatische Endothelzellen fördern. Diese Effekte werden durch eine umfassende Umprogrammierung des zellulären Stoffwechsels vermittelt.
Genomische und metabolische Reprogrammierung
Transkriptomische Analysen ergaben, dass Candida albicans die Expression von 63 Genen in Melanomzellen hochreguliert. Diese Gene sind an Schlüsselprozessen der Tumorprogression beteiligt, darunter Onkogenaktivierung, Entzündungsmodulation und metabolische Adaptation. Besonders hervorzuheben ist die Induktion eines Gens, das die Synthese des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors (VEGF) stimuliert. VEGF fördert die Angiogenese und schafft damit ein tumorfreundliches Mikromilieu.
Darüber hinaus induziert der Pilz eine verstärkte aerobe Glykolyse in den Krebszellen, ein Phänomen, das als Warburg-Effekt bekannt ist. Diese metabolische Umstellung ermöglicht es den Tumorzellen, effizienter Energie für Proliferation und Migration zu gewinnen.
In vivo-Validierung und klinische Relevanz
Die in vitro beobachteten Effekte wurden in einem Mausmodell validiert. Mäuse, denen mit Candida behandelte Melanomzellen injiziert wurden, entwickelten signifikant mehr und größere Lebermetastasen als Kontrolltiere. Diese Ergebnisse unterstreichen das onkogene Potenzial von Candida albicans und seine Rolle als bisher unterschätzter Kofaktor in der Krebsprogression.
Die Studie eröffnet neue Perspektiven für die onkologische Therapie. Die gezielte Bekämpfung von Candida-Infektionen könnte eine vielversprechende ergänzende Strategie in der Behandlung von Melanomen darstellen. Dies gilt insbesondere für Patienten mit geschwächtem Immunsystem, bei denen das Risiko für Candida-assoziierte Komplikationen erhöht ist.
Mikrobiom und Krebs: Ein komplexes Wechselspiel
Die Erkenntnisse dieser Studie unterstreichen die Notwendigkeit, das humane Mikrobiom in seiner Gesamtheit zu betrachten. Während die onkogene Rolle von Bakterien und Viren bereits intensiv erforscht wird, wurden Pilze wie Candida albicans bisher weitgehend vernachlässigt. Die neuen Daten zeigen, dass auch kommensale Pilze komplexe Wechselwirkungen mit menschlichen Zellen eingehen und die Tumorbiologie beeinflussen können. Dies erfordert eine interdisziplinäre Herangehensweise, die mikrobiologische, immunologische und onkologische Aspekte integriert.