Dehnen im wissenschaftlichen Diskurs: Nutzen, Grenzen und Alternativen
Die gängigen Annahmen über Dehnen
Dehnen gilt seit langem als fester Bestandteil des Sports. Viele Menschen glauben, dass es Verletzungen verhindert, Muskelkater lindert und die Beweglichkeit dauerhaft verbessert. Doch wissenschaftliche Studien zeigen ein differenzierteres Bild. Der Sportwissenschaftler Jan Wilke hat in einer Metaanalyse festgestellt, dass viele dieser Annahmen nicht haltbar sind. Dehnen kann die Beweglichkeit kurzfristig steigern, aber es hat nicht die weitreichenden Effekte, die ihm oft zugeschrieben werden.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Dehnen
Wilke und sein Team fanden heraus, dass Dehnen weder Muskelkater verhindert noch das Verletzungsrisiko signifikant reduziert. Stattdessen sind Krafttraining und ein gezieltes Aufwärmprogramm effektiver. Diese Methoden verbessern die Muskelspannung und Koordination und bereiten den Körper dynamisch auf die Belastung vor. Zudem gibt es keine Belege dafür, dass Dehnen die Muskeln strukturell verlängert. Vielmehr wird die erhöhte Beweglichkeit durch eine kurzfristige Senkung der Muskelsteifigkeit und eine erhöhte Schmerztoleranz erreicht.
Beweglichkeit: Ein komplexes Zusammenspiel
Beweglichkeit ist nicht nur von der Dehnfähigkeit der Muskeln abhängig, sondern von einer Vielzahl von Faktoren. Dazu gehören die anatomische Struktur der Gelenke, das Nervensystem und sogar die Körpertemperatur. Frauen sind tendenziell beweglicher als Männer, und Kinder sind beweglicher als Erwachsene. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Manche Menschen haben von Natur aus eine höhere Beweglichkeit („Cleopatra-Typ“), während andere steifer sind („Wikinger-Typ“).
Alternativen und Ergänzungen zum Dehnen
Krafttraining über den vollen Bewegungsradius kann die Beweglichkeit ebenso effektiv verbessern wie Dehnen. Bodybuilder, die ihre Übungen mit großer Amplitude ausführen, sind oft sehr beweglich. Dynamische Dehnübungen, wie der „World’s Greatest Stretch“, können ebenfalls helfen, da sie ganze Bewegungsketten ansprechen. Für ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Personen kann Dehnen eine niedrigschwellige Möglichkeit sein, aktiv zu bleiben. Allerdings sollte es schmerzfrei und in Maßen durchgeführt werden.
Psychophysische Effekte und individuelle Bedürfnisse
Trotz der wissenschaftlichen Erkenntnisse sollte der psychophysische Nutzen von Dehnen nicht unterschätzt werden. Viele Menschen empfinden Dehnen als entspannend und wohltuend. Es kann eine einfache Methode sein, um Stress abzubauen und das Wohlbefinden zu steigern. Letztlich ist Dehnen kein Wundermittel, aber es kann als Teil eines ausgewogenen Trainingsprogramms sinnvoll sein – vorausgesetzt, es wird individuell und zielgerichtet eingesetzt.