Der „Great Stink“: Wie eine Umweltkrise Londons Infrastruktur revolutionierte
Eine Stadt am Rande des Kollapses
Im Sommer 1858 wird London von einer beispiellosen Umweltkrise erschüttert. Eine extreme Hitzewelle mit Temperaturen über 30 Grad Celsius führt dazu, dass die Themse, der Lebensnerv der Stadt, zu einer stinkenden Kloake verkommt. Der Fluss, der durch das Herz Londons fließt, ist voller menschlicher und tierischer Exkremente, Industrieabfälle und verrottenden Mülls. Der Gestank ist so unerträglich, dass die lokale Presse warnt: Wer ihn einmal eingeatmet hat, werde ihn nie vergessen. Die Menschen, die es sich leisten können, verlassen die Stadt, während die Zurückgebliebenen versuchen, sich mit Taschentüchern und chemischen Mitteln wie Kalkchlorid vor den üblen Gerüchen zu schützen.
Das Versagen einer veralteten Infrastruktur
London ist zu dieser Zeit die größte Metropole der Welt mit über 2,5 Millionen Einwohnern. Doch das Abwassersystem der Stadt ist hoffnungslos veraltet und dem Bevölkerungswachstum nicht gewachsen. Die Kanalisation transportiert sämtliche Abfälle direkt in die Themse. Besonders problematisch sind die neuen Wasserklosetts, die sich die wohlhabenden Bürger leisten. Diese spülen die Exkremente direkt in den Fluss, anstatt sie wie früher in Senkgruben zu sammeln. Bei Hochwasser schwemmt die Themse den Unrat auf die Straßen, was die hygienischen Bedingungen weiter verschlechtert. Der Schriftsteller Charles Dickens beschreibt die Situation in „Little Dorrit“ als „einen tödlichen Abwasserkanal, der durch das Herz der Stadt fließt“.
Medizinische Irrtümer und bahnbrechende Erkenntnisse
Die gesundheitlichen Folgen des „Great Stink“ sind verheerend. Krankheiten wie Cholera, Typhus und Ruhr breiten sich rasant aus. Die vorherrschende medizinische Theorie der „Miasmen“ – die Annahme, dass giftige Dämpfe Krankheiten verursachen – führt dazu, dass die wahren Ursachen der Seuchen nicht erkannt werden. Der Arzt John Snow stellt jedoch bereits während früherer Cholera-Ausbrüche die These auf, dass verunreinigtes Trinkwasser für die Ausbreitung der Krankheit verantwortlich ist. Als er den Schwengel einer verunreinigten Wasserpumpe in Soho abmontieren lässt, stoppt die Ausbreitung der Cholera. Doch seine Erkenntnisse werden von den Politikern ignoriert, und Snow stirbt kurz vor dem „Great Stink“ im Juni 1858.
Ein Wendepunkt für Londons Infrastruktur
Die Krise erreicht ihren Höhepunkt, als der Gestank selbst das Parlament im neu erbauten Palace of Westminster erreicht. Die Politiker, die jahrelang die Finanzierung eines neuen Abwassersystems verweigert haben, sehen sich gezwungen zu handeln. Innerhalb von nur 18 Tagen wird ein Gesetz verabschiedet, das drei Millionen Pfund für den Bau einer neuen Kanalisation bereitstellt. Der Ingenieur Joseph Bazalgette wird mit der Planung beauftragt. Sein Konzept sieht ein Netz aus 1800 Kilometern unterirdischer Tunnel vor, die das Abwasser auffangen und ableiten. Zudem plant er Dämme und Uferpromenaden, die die Stadt vor Überschwemmungen schützen und die Hauptabwasserrohre verdecken. Die 1868 fertiggestellte Abbey Mills Pumping Station wird aufgrund ihrer prächtigen Architektur als „Kathedrale des Abwassers“ bekannt und symbolisiert den Triumph über die hygienischen Missstände.
Ein System mit Weitsicht
Bis 1875 ist das neue Abwassersystem fertiggestellt. Bazalgette hat vorausschauend geplant und die Kapazitäten für eine Bevölkerung von viereinhalb Millionen Menschen ausgelegt – fast doppelt so viele wie damals in London lebten. Die Cholera-Epidemien gehören fortan der Vergangenheit an. Doch das System stößt anderthalb Jahrhunderte später an seine Grenzen. Mit fast neun Millionen Einwohnern und modernen Abfallprodukten wie Feuchttüchern und Hygieneartikeln ist die viktorianische Infrastruktur überlastet. Erst 2025 wird der 25 Kilometer lange Thames Tideway Tunnel fertiggestellt, der das historische System entlasten soll. Der „Great Stink“ bleibt eine Mahnung, wie wichtig nachhaltige Infrastruktur für das Wohl einer Stadt ist.