Die genetische Zeitkapsel der Mani-Griechen: Eine einzigartige Population im Süden Griechenlands
Geographische und kulturelle Isolation
Die Halbinsel Mani im Süden des griechischen Peloponnes ist bekannt für ihre zerklüftete Landschaft und ihre isolierte Lage. Das Dorf Vatheia, auch als „Tiefer Mani“ bezeichnet, ist ein Beispiel für eine Region, die über Jahrhunderte hinweg kulturell und genetisch weitgehend isoliert blieb. Die Bewohner entwickelten eine einzigartige Kultur, die sich durch einen eigenen Dialekt, massive Turmhäuser und eine streng patriarchalische Clanstruktur auszeichnet. Diese Isolation hat dazu geführt, dass die Mani-Griechen bis heute genetische Merkmale bewahrt haben, die anderswo in Europa verloren gegangen sind.
Genetische Analysen und ihre Ergebnisse
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Leonidas Davranoglou hat die DNA von 102 Bewohnern der Tiefen Mani analysiert. Die Studie konzentrierte sich auf das Y-Chromosom, das nur über die männliche Linie vererbt wird, sowie auf die mitochondriale DNA, die ausschließlich von der Mutter weitergegeben wird. Die Ergebnisse zeigen, dass die männlichen Stammeslinien der Mani-Griechen bis in die römische Antike und teilweise sogar bis in die Bronzezeit zurückreichen. Diese genetischen Linien sind in anderen europäischen Populationen nahezu verschwunden, da sie durch die Völkerwanderungen und spätere Migrationen überlagert wurden.
Der genetische Flaschenhals und seine Ursachen
Ein besonders auffälliges Ergebnis der Studie ist der genetische Flaschenhals, der im fünften bis siebten Jahrhundert auftrat. Etwa die Hälfte der heutigen Männer in der Tiefen Mani stammt von einem einzigen männlichen Vorfahren ab. Die Forschenden vermuten, dass dieser Flaschenhals durch die Justinianische Pest oder durch Angriffe arabischer Piraten verursacht wurde, die zu dieser Zeit im Mittelmeerraum aktiv waren. Diese Ereignisse führten vermutlich zu einem starken Rückgang der Bevölkerung, was die genetische Vielfalt der männlichen Linien stark einschränkte.
Die Rolle der Frauen in der genetischen Vielfalt
Während die männlichen Stammeslinien der Mani-Griechen eine bemerkenswerte Kontinuität aufweisen, zeigt die mitochondriale DNA der Frauen eine größere genetische Vielfalt. Die mütterlichen Linien stammen aus verschiedenen Regionen, darunter Westeuropa, der östliche Mittelmeerraum, der Kaukasus und Nordafrika. Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Frauen oft aus anderen Gemeinschaften in die patriarchalische Gesellschaft der Mani-Griechen „importiert“ wurden, während die Männer vor Ort blieben. Diese Praxis trug dazu bei, die genetische Isolation der männlichen Linien zu bewahren.
Bedeutung der Studie für die historische und genetische Forschung
Die Studie der Mani-Griechen bietet wertvolle Einblicke in die genetische Landschaft Europas vor den großen Umwälzungen der Völkerwanderungszeit. Die Bewohner der Tiefen Mani können als eine Art „genetische Zeitkapsel“ betrachtet werden, die uns zeigt, wie die genetische Zusammensetzung der Bevölkerung in dieser Region vor über einem Jahrtausend aussah. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Isolation und kulturellen Praktiken für die genetische Entwicklung von Populationen und bieten neue Perspektiven für die Erforschung der europäischen Geschichte.