Die SPD im Niedergang – Eine strukturelle Analyse ihrer historischen Erosion und aktuellen Existenzkrise
Die SPD als historische Säule der deutschen Sozialdemokratie
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) verkörpert wie keine andere politische Kraft die Geschichte der sozialen und demokratischen Bewegungen in Deutschland. Gegründet 1863 als „Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ (ADAV), entwickelte sie sich zur zentralen Interessenvertretung der industriellen Arbeiterklasse. In einer Zeit, in der Fabrikarbeiter unter extremen Bedingungen litten – mit langen Arbeitszeiten, niedrigen Löhnen und fehlendem Arbeitsschutz – wurde die SPD zur Stimme der Entrechteten. Ihre Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, politischer Teilhabe und einem starken Sozialstaat prägten nicht nur die deutsche Politik, sondern auch die europäische Sozialdemokratie. Doch heute steht die SPD vor einer existenziellen Krise, die tief in ihrer historischen Entwicklung verwurzelt ist.
Der demographische und sozioökonomische Wandel der Wählerbasis
Die traditionelle Wählerklientel der SPD, die industrielle Arbeiterschaft, hat sich im Zuge des postindustriellen Wandels grundlegend transformiert. Während die SPD in den 1970er-Jahren noch als natürliche politische Heimat der Arbeiter galt, hat sich diese Bindung im 21. Jahrhundert weitgehend aufgelöst. Gut qualifizierte Industriearbeiter sind heute Teil des Mittelstands, während prekär Beschäftigte und Arbeitslose sich zunehmend von der SPD abwenden. Laut einer Forsa-Studie von 2025 wählen nur noch neun Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen die SPD. Stattdessen hat die AfD in dieser Gruppe mit 38 Prozent die Mehrheit erobert. Dieser Verlust ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ bedeutsam: Die SPD verliert ihre historische Legitimationsbasis.
Die Agenda 2010 als traumatischer Bruch mit der eigenen Identität
Die Agenda 2010 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (1998–2005) markiert den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der SPD. Mit dem Ziel, die deutsche Wirtschaft zu modernisieren und die hohe Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, setzte Schröder ein Reformpaket durch, das den Sozialstaat grundlegend umbaute. Die Kürzung von Sozialleistungen, die Lockerung des Kündigungsschutzes und der Ausbau des Niedriglohnsektors führten zu einer tiefen Spaltung innerhalb der Partei. Der linke Flügel rebellierte, und 2005 gründete sich aus Protest die WASG, die später mit der PDS zur Linken fusionierte. Die SPD verlor innerhalb eines Jahrzehnts fast die Hälfte ihrer Wähler – ein Aderlass, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.
Der Verlust des politischen Profils in der Ära der großen Koalitionen
Die SPD hat nicht nur Wähler, sondern auch ihre politische Identität verloren. In den großen Koalitionen mit der CDU/CSU (2005–2009, 2013–2021) musste die SPD zahllose Kompromisse eingehen, die ihr Profil weiter verwässerten. Die CDU unter Angela Merkel übernahm zentrale sozialdemokratische Positionen, etwa in der Familienpolitik oder bei der Energiewende, und besetzte damit die politische Mitte. Dieser Prozess, von Kritikern als „Sozialdemokratisierung der CDU“ bezeichnet, führte dazu, dass die SPD für viele Wähler austauschbar wurde. Die Partei verlor ihre programmatische Schärfe und damit ihre Fähigkeit, klare politische Alternativen aufzuzeigen.
Die aktuelle Krise: Zwischen programmatischer Erneuerung und koalitionspolitischer Realität
Die SPD steht heute vor einem strukturellen Dilemma. Einerseits versucht sie, mit einem neuen Grundsatzprogramm bis 2027 wieder ein klares linkes Profil zu entwickeln. Andererseits ist sie in einer Koalition mit der CDU/CSU unter Friedrich Merz gefangen, die eine deutlich konservativere Agenda verfolgt. Die Forderungen nach höheren Steuern für Reiche und mehr sozialer Gerechtigkeit stoßen bei der Union auf Ablehnung. Gleichzeitig droht der SPD nach den nächsten Landtagswahlen weiterer Bedeutungsverlust. Die Partei befindet sich in einem Teufelskreis: Je mehr sie versucht, sich von der Union abzugrenzen, desto größer wird der Druck, die Koalition zu verlassen – was jedoch neue politische Unsicherheiten mit sich bringen würde. Die SPD steht damit vor der Frage, ob sie ihre historische Rolle als Volkspartei noch retten kann oder ob sie zu einer kleinen, aber programmatisch klaren Partei schrumpft.