Die kognitive Revolution: Kanzi und die Vorstellungskraft der Menschenaffen
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Die kognitive Revolution: Kanzi und die Vorstellungskraft der Menschenaffen

Die Bedeutung von Kanzis Fähigkeiten

Kanzi, ein 43-jähriger Bonobo, hat die wissenschaftliche Gemeinschaft erneut in Erstaunen versetzt. Bekannt für seine außergewöhnlichen kommunikativen Fähigkeiten – er versteht über 300 Symbole und kann damit komplexe Gedanken ausdrücken – hat Kanzi nun bewiesen, dass er auch das Konzept der „sekundären Repräsentation“ beherrscht. Diese Fähigkeit, sich imaginäre Objekte und Szenarien vorzustellen, galt lange als eine der letzten Bastionen menschlicher Einzigartigkeit.

Das bahnbrechende Experiment

In einer Studie, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Science, haben Amalia Bastos und Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University Kanzi in mehreren Experimenten getestet. Im ersten Test wurde Kanzi mit zwei leeren Gläsern und einer leeren Kanne konfrontiert. Eine Person goss imaginären Saft aus der Kanne in eines der Gläser. Kanzi sollte dann angeben, in welchem Glas der Saft war. In 68 Prozent der Fälle lag er richtig. In einem weiteren Test wurden imaginäre Tauben auf Schalen verteilt, und auch hier zeigte Kanzi ein erstaunliches Verständnis für die imaginären Objekte.

Die kognitive Herausforderung: Sekundäre Repräsentation

Die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation bedeutet, dass Kanzi in der Lage ist, eine Scheinwelt parallel zur realen Welt zu verstehen, ohne beide zu verwechseln. Dies erfordert ein hohes Maß an kognitiver Flexibilität und Vorstellungskraft. Um sicherzustellen, dass Kanzi tatsächlich verstand, dass der imaginäre Saft nicht real war, führten die Forscher einen Kontrolltest durch. Dabei wurde ein Glas mit echtem Saft und ein anderes mit imaginärem Saft gefüllt. Kanzi zeigte, dass er den Unterschied erkannte, indem er nicht zufällig wählte.

Implikationen für die Wissenschaft

Die Ergebnisse dieser Studie haben weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von tierischer Intelligenz. Bislang wurde die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation als exklusiv menschlich betrachtet. Kanzis Leistungen stellen diese Annahme infrage und zeigen, dass auch Menschenaffen über komplexe kognitive Fähigkeiten verfügen. Dies wirft neue Fragen über die evolutionären Ursprünge dieser Fähigkeiten auf und könnte unser Bild von der kognitiven Entwicklung des Menschen grundlegend verändern.

Die Rolle von Kanzis Sprachfähigkeiten

Ein interessanter Aspekt dieser Studie ist die Rolle von Kanzis Sprachfähigkeiten. Durch sein Training mit Symbolen hat Kanzi gelernt, abstrakte Konzepte zu verstehen und zu kommunizieren. Dies könnte ihm geholfen haben, die Aufgaben im Experiment besser zu bewältigen. Allerdings betonen die Forscher, dass seine Fähigkeit zur Vorstellungskraft wahrscheinlich nicht allein auf das Training zurückzuführen ist, sondern eine grundlegende kognitive Eigenschaft von Bonobos und möglicherweise anderen Menschenaffen darstellt.

Fazit: Ein neues Kapitel in der Kognitionsforschung

Kanzis Fähigkeit, „so zu tun als ob“, markiert einen Wendepunkt in der Erforschung tierischer Intelligenz. Die Studie von Bastos und Krupenye zeigt, dass die Grenzen zwischen menschlicher und tierischer Kognition fließender sind als bisher angenommen. Diese Erkenntnisse fordern uns auf, unsere Definition von Intelligenz und Vorstellungskraft zu überdenken und die kognitiven Fähigkeiten von Tieren neu zu bewerten.

Quiz

Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Was versteht man unter „sekundärer Repräsentation“?
  2. 2. Wie viele Symbole versteht Kanzi?
  3. 3. Was haben die Wissenschaftler in dem Experiment mit Kanzi gemacht?
  4. 4. Warum ist die Entdeckung von Kanzis Fähigkeiten wichtig?
  5. 5. Welche Rolle spielen Kanzis Sprachfähigkeiten in dem Experiment?
  6. 6. Was könnte die Studie für die Zukunft der Kognitionsforschung bedeuten?
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