Kanzi und die Dekonstruktion menschlicher Einzigartigkeit: Eine neue Perspektive auf tierische Kognition
Die historische Einordnung von Kanzis Fähigkeiten
Die Entdeckung, dass der Bonobo Kanzi die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation besitzt, stellt einen Paradigmenwechsel in der Kognitionsforschung dar. Lange Zeit galt die Vorstellungskraft – insbesondere die Fähigkeit, sich imaginäre Objekte und Szenarien parallel zur Realität vorzustellen – als eine der letzten Domänen, die den Menschen von anderen Tieren abgrenzen. Kanzi widerlegt diese Annahme und zwingt die wissenschaftliche Gemeinschaft, die kognitiven Fähigkeiten von Menschenaffen neu zu bewerten.
Das experimentelle Design und seine methodischen Innovationen
In einer wegweisenden Studie, veröffentlicht in Science, haben Amalia Bastos und Christopher Krupenye ein experimentelles Design entwickelt, das darauf abzielt, die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation bei Kanzi zu testen. Im Kern des Experiments stand die Aufgabe, imaginären Saft aus einer leeren Kanne in eines von zwei Gläsern zu gießen. Kanzi sollte anschließend angeben, in welchem Glas sich der imaginäre Saft befand. Die Ergebnisse waren beeindruckend: In 68 Prozent der Fälle wählte Kanzi das richtige Glas.
Um sicherzustellen, dass Kanzi tatsächlich verstand, dass der Saft nicht real war, führten die Forscher einen Kontrolltest durch. Dabei wurde ein Glas mit echtem Saft und ein anderes mit imaginärem Saft gefüllt. Kanzi zeigte durch seine Wahl, dass er den Unterschied zwischen Realität und Imagination klar erkannte. Diese methodische Strenge unterstreicht die Validität der Ergebnisse und ihre Bedeutung für die Kognitionsforschung.
Die kognitive Architektur der sekundären Repräsentation
Die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation erfordert eine komplexe kognitive Architektur. Sie setzt voraus, dass das Individuum in der Lage ist, eine mentale Repräsentation einer nicht existierenden Realität zu entwickeln und diese parallel zur tatsächlichen Realität zu verarbeiten, ohne beide zu vermischen. Diese Fähigkeit ist eng mit anderen kognitiven Prozessen wie Theory of Mind, Planung und abstraktem Denken verknüpft. Kanzis Leistungen in den Experimenten deuten darauf hin, dass Bonobos – und möglicherweise andere Menschenaffen – über eine ähnliche kognitive Architektur verfügen wie Menschen.
Implikationen für die Evolution der Kognition
Die Ergebnisse der Studie haben tiefgreifende Implikationen für unser Verständnis der evolutionären Ursprünge kognitiver Fähigkeiten. Bislang wurde angenommen, dass die Fähigkeit zur sekundären Repräsentation eine späte Entwicklung in der menschlichen Evolution darstellt, die eng mit der Entstehung von Sprache und Kultur verknüpft ist. Kanzis Fähigkeiten legen jedoch nahe, dass diese kognitiven Prozesse bereits bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich vorhanden sind. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Wurzeln der menschlichen Kognition viel tiefer liegen als bisher angenommen.
Die Rolle von Sprachfähigkeiten und Training
Ein kritischer Aspekt der Studie ist die Frage, inwieweit Kanzis Fähigkeiten auf sein intensives Training mit Symbolen zurückzuführen sind. Kanzi versteht über 300 abstrakte Symbole und kann damit komplexe Gedanken ausdrücken. Es ist denkbar, dass dieses Training seine kognitiven Fähigkeiten geschärft und ihm geholfen hat, die Aufgaben im Experiment zu bewältigen. Allerdings betonen die Forscher, dass seine Fähigkeit zur sekundären Repräsentation wahrscheinlich nicht allein auf das Training zurückzuführen ist, sondern eine grundlegende kognitive Eigenschaft von Bonobos darstellt.
Fazit: Ein neues Kapitel in der Erforschung tierischer Intelligenz
Kanzis Fähigkeit, „so zu tun als ob“, markiert einen Meilenstein in der Erforschung tierischer Intelligenz. Die Studie von Bastos und Krupenye zeigt, dass die Grenzen zwischen menschlicher und tierischer Kognition fließender sind als bisher angenommen. Diese Erkenntnisse fordern uns auf, die Definition von Intelligenz, Vorstellungskraft und sogar Menschlichkeit neu zu überdenken. Sie eröffnen neue Perspektiven für die Erforschung der kognitiven Fähigkeiten von Tieren und könnten langfristig unser Verständnis der Evolution des menschlichen Geistes revolutionieren.