Bildschirmzeit und kognitive Entwicklung: Eine differenzierte Betrachtung langfristiger Effekte
Einführung in die Thematik
Die Auswirkungen von Bildschirmzeit auf die kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind ein kontrovers diskutiertes Thema. Während Bildschirmzeit oft als Risikofaktor für Entwicklungsstörungen und verminderte geistige Leistungsfähigkeit betrachtet wird, fehlen bislang langfristige Studien, die diese Annahmen bestätigen oder widerlegen. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Jyväskylä in Finnland liefert nun neue Erkenntnisse zu diesem Thema.
Studiendesign und Methodik
Die finnische PANIC-Studie (Physical Activity and Nutrition in Children) begleitete 260 Jugendliche über einen Zeitraum von acht Jahren. Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie Kinder und am Ende im Durchschnitt 15,8 Jahre alt. Die Forscher erfassten Daten zu körperlicher Aktivität, sitzenden Tätigkeiten und Bildschirmzeit zu drei verschiedenen Zeitpunkten: zu Beginn, nach zwei Jahren und nach acht Jahren. Die Bildschirmzeit umfasste Aktivitäten wie Fernsehen, Computernutzung, Videospiele sowie die Nutzung mobiler Geräte. Zusätzlich wurden körperliche Aktivität und sitzende Zeit mit kombinierten Herzfrequenz- und Bewegungssensoren gemessen.
Am Ende der Beobachtungsphase absolvierten die Jugendlichen eine umfassende Testbatterie, die verschiedene kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, psychomotorische Geschwindigkeit, Lernen und Arbeitsgedächtnis prüfte. Besonders hervorzuheben ist der Test zum Arbeitsgedächtnis, bei dem die Jugendlichen erkennen mussten, ob eine angezeigte Spielkarte mit einer zuvor gesehenen Karte übereinstimmte.
Ergebnisse und Interpretation
Die Ergebnisse der Studie waren überraschend: Jugendliche, die über die Jahre hinweg mehr Bildschirmzeit angaben, zeigten schnellere Reaktionen in zwei Aufgaben zum Arbeitsgedächtnis. Die standardisierten Regressionskoeffizienten lagen bei β = −0,194 und β = −0,233, was auf einen statistisch signifikanten Zusammenhang hindeutet. Auch die kognitive Gesamtleistung war bei höherer Bildschirmzeit leicht besser (β = 0,187). Diese Zusammenhänge blieben auch nach statistischen Anpassungen, beispielsweise für Körperfettanteil und Pubertätsstatus, bestehen.
Allerdings betonen die Forscher, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die keine kausalen Schlüsse zulässt. Die Art der Bildschirmnutzung könnte eine entscheidende Rolle spielen. So könnten kognitiv fordernde Aktivitäten wie Lernspiele oder problemlösende Videospiele den beobachteten Effekt erklären. Die Studie unterscheidet jedoch nicht zwischen verschiedenen Arten der Bildschirmnutzung, sodass diese Hypothese nicht direkt überprüft werden konnte.
Geschlechtsspezifische Unterschiede und weitere Einflussfaktoren
Die Studie zeigte auch geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Mädchen war eine höhere, objektiv gemessene, leichte körperliche Aktivität mit besserem Arbeitsgedächtnis verbunden. Bei der Bildschirmzeit zeigte sich ein Geschlechtsunterschied nur bei einer der beiden Arbeitsgedächtnisaufgaben. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht nur die Menge, sondern auch die Art und Intensität der Aktivitäten sowie die Messmethode eine Rolle spielen könnten.
Die Befunde zur körperlichen Aktivität waren weniger eindeutig. Mehr selbstberichtete, nicht angeleitete Bewegung war zunächst mit einer geringeren Genauigkeit bei einer Arbeitsgedächtnisaufgabe verbunden, dieser Zusammenhang hielt jedoch der Korrektur für multiple statistische Tests nicht stand. Die mit Sensoren gemessene körperliche Aktivität und sitzende Zeit zeigten in der Gesamtgruppe keinen statistisch belastbaren Zusammenhang mit der Kognition.
Diskussion und Ausblick
Die Studie von Jalanko und Kollegen stellt die pauschale Bewertung von Bildschirmzeit als schädlich infrage. Die Forscher plädieren für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen körperlicher Aktivität und Bildschirmzeit, das aktives Denken fördert. Dennoch bleibt unklar, welche spezifischen Bildschirmaktivitäten den beobachteten positiven Effekt erklären könnten. Weitere Forschung, insbesondere Interventionsstudien mit wiederholten kognitiven Messungen, ist notwendig, um mögliche Ursache-Wirkung-Beziehungen zu klären und die langfristigen Effekte verschiedener Arten von Bildschirmnutzung zu verstehen.