Stillen: Evidenzbasierte Leitlinien, gesundheitliche Implikationen und gesellschaftspolitische Herausforderungen
Evidenzbasierte Leitlinien zur Stilldauer und ihre Bedeutung
Die im Februar 2026 veröffentlichte S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ stellt einen Meilenstein in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Stillen dar. Erstmals wurden in einem systematischen Konsensverfahren Empfehlungen formuliert, die auf einer umfassenden Auswertung von 49 Übersichtsarbeiten und Metaanalysen basieren. Die Leitlinie empfiehlt, reifgeborene Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend zu stillen und die Gesamtstilldauer auf mindestens zwölf Monate auszudehnen. Diese Empfehlungen decken sich weitgehend mit den internationalen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die zusätzlich ein Weiterstillen bis zum zweiten Lebensjahr oder darüber hinaus befürwortet.
Gesundheitliche Vorteile für das Kind: Eine kritische Betrachtung
Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für das Kind sind vielfältig, jedoch nicht immer eindeutig belegt. Die Leitlinie zeigt, dass Muttermilch einen signifikanten Schutz vor Infektionskrankheiten wie Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infektionen bietet. Auch das Risiko für Asthma bronchiale und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ist bei gestillten Kindern reduziert. Allerdings weisen viele der zugrundeliegenden Studien methodische Einschränkungen auf, wie etwa die fehlende Kontrolle von Störfaktoren oder die Abhängigkeit von Elternangaben. Dennoch deuten die Daten darauf hin, dass Stillen langfristige positive Effekte auf die Gesundheit des Kindes haben kann, etwa ein geringeres Risiko für Übergewicht und Diabetes Typ I.
Gesundheitliche Vorteile für die Mutter: Langfristige Effekte
Für Mütter bietet das Stillen ebenfalls erhebliche gesundheitliche Vorteile. Längeres Stillen ist mit einem reduzierten Risiko für metabolische Erkrankungen wie Diabetes Typ II und das metabolische Syndrom verbunden. Zudem zeigen Studien, dass stillende Mütter ein geringeres Risiko für bestimmte Krebsarten, insbesondere Brust- und Eierstockkrebs, aufweisen. Auch die postpartale Gewichtsentwicklung profitiert vom Stillen, da Mütter schneller zu ihrem Ausgangsgewicht zurückkehren. Allerdings sind auch hier die Studienergebnisse nicht immer konsistent, und weitere Forschung ist notwendig, um die genauen Mechanismen zu verstehen.
Stillverhalten in Deutschland: Sozioökonomische Determinanten
Die KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts liefert repräsentative Daten zum Stillverhalten in Deutschland. Demnach stillen 97 Prozent der Mütter ihr Baby direkt nach der Geburt, doch nach sechs Monaten sind es nur noch etwa 55 Prozent. Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen Stilldauer und Bildungsniveau: Mütter mit höherem Bildungsabschluss stillen signifikant häufiger und länger. Dies unterstreicht die Notwendigkeit gezielter Maßnahmen zur Stillförderung, insbesondere in sozial benachteiligten Gruppen. Stillprobleme wie Schmerzen oder die Sorge um eine unzureichende Milchmenge sind häufige Gründe für das vorzeitige Abstillen.
Die komplexe Zusammensetzung der Muttermilch und ihre Unersetzbarkeit
Muttermilch ist eine hochkomplexe Flüssigkeit, deren Zusammensetzung sich dynamisch an die Bedürfnisse des Säuglings anpasst. Das Kolostrum, die erste Milch nach der Geburt, ist reich an Immunglobulinen und Immunzellen, die das Neugeborene vor Infektionen schützen. Im Laufe der Zeit ändert sich die Zusammensetzung hin zu einer milchreicheren Flüssigkeit mit höheren Anteilen an Fetten und Kohlenhydraten. Muttermilch enthält über 400 bioaktive Substanzen, darunter Probiotika, präbiotische Oligosaccharide und Antikörper, die in dieser Form nicht in Flaschenmilch reproduziert werden können. Obwohl Flaschenmilch alle notwendigen Nährstoffe enthält, bleibt Muttermilch in puncto Immunschutz und langfristiger Gesundheitsförderung unerreicht.
Stillförderung: Strukturelle Herausforderungen und Lösungsansätze
Trotz der klaren Vorteile des Stillens sehen sich viele Mütter mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Stillprobleme wie wunde Brustwarzen, Schmerzen oder Schwierigkeiten beim Anlegen des Babys sind weit verbreitet. Oft fehlt es an ausreichender und einheitlicher Beratung durch Fachpersonal. Die neue S3-Leitlinie adressiert diese Probleme und fordert strukturelle Verbesserungen, etwa die flächendeckende Einführung von Stillvorbereitungskursen und eine bessere Schulung von Hebammen und Pflegekräften. Ziel ist es, Mütter frühzeitig zu unterstützen und die Stillraten zu erhöhen, ohne dabei Druck auszuüben. Stillen sollte als eine von mehreren Optionen betrachtet werden, die im Einklang mit den Bedürfnissen von Mutter und Kind steht.