Institutionelle Gewalt und gesellschaftlicher Rückschritt: Die Lage der LGBTQ+-Community in Serbien
Eskalation der Gewalt gegen LGBTQ+-Menschen
Serbien erlebt eine besorgniserregende Zunahme von Gewalt gegen LGBTQ+-Personen. Ein prägnantes Beispiel ist der Angriff auf die Dragqueen Alexis Plastic (Aleksandar Savic), die im Juli 2023 im Bus beleidigt und mit einem scharfen Gegenstand verletzt wurde. Solche Vorfälle sind symptomatisch für ein gesellschaftliches Klima, das von zunehmender Feindseligkeit geprägt ist. Auch der Schriftsteller Vladimir Arsenijevic wurde kurz zuvor von rechten Hooligans attackiert, während er eine Gedenkveranstaltung zum Völkermord von Srebrenica vorbereitete.
Systematische Straflosigkeit und politische Verantwortung
Die Organisation "Da Se Zna!" dokumentiert seit Jahren Übergriffe auf queere Menschen in Serbien. Matija Stefanovic, Aktivist der Organisation, betont, dass die Gewalt kein Einzelfallphänomen ist, sondern ein systemisches Problem darstellt. Die mangelnde Strafverfolgung signalisiert Tätern, dass sie ungestraft bleiben. Diese Straflosigkeit wird durch die Nähe vieler Hooligan-Gruppen zur regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) von Präsident Aleksandar Vucic verstärkt. Die politische Rhetorik der Regierung trägt maßgeblich zur Normalisierung von Gewalt bei.
Marginalisierung und Angst in der Gesellschaft
Die Auswirkungen dieser Gewalt sind weitreichend. Laut einer Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) vermeiden 80 Prozent der queeren Menschen in Serbien, in der Öffentlichkeit die Hand ihres Partners zu halten. Der queere Club "Mornar" in Belgrad wurde im Mai 2023 mit Tränengas angegriffen, und eine Transfrau wurde bis zur Bewusstlosigkeit zusammengeschlagen. Diese Vorfälle spiegeln sich auch im internationalen Ranking wider: Serbien rutschte im ILGA-Regenbogenindex von Platz 22 auf Platz 29 ab.
Aktivismus unter schwierigen Bedingungen
Trotz der widrigen Umstände setzt sich "Da Se Zna!" für die Rechte queerer Menschen ein. Mit der "Pride Caravan" besucht die Organisation auch ländliche Regionen, um Sichtbarkeit zu schaffen. Diese Aktionen stoßen jedoch häufig auf massiven Widerstand. In Pirot wurde eine Veranstaltung abgesagt, nachdem gewaltbereite Hooligans die Sicherheit gefährdeten. Drei Journalisten wurden bei dem Vorfall angegriffen. Stefanovic beschreibt die Situation als "traumatisch", betont aber gleichzeitig die Notwendigkeit, Präsenz zu zeigen.
Persönliche Schicksale und gesellschaftlicher Wandel
Matija Stefanovic, selbst trans, hat seine Transition öffentlich gemacht, um anderen Mut zu machen. Seine Erfahrungen zeigen jedoch auch die Ambivalenz des gesellschaftlichen Wandels. Während seine Eltern ihn unterstützen und sogar an der Pride-Parade teilgenommen haben, sieht er sich weiterhin mit Hass und Bedrohungen konfrontiert. Sein Engagement unterstreicht die Komplexität des Kampfes für Akzeptanz: Trotz kleiner Fortschritte bleibt die LGBTQ+-Community in Serbien einer systematischen Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt.