Die mathematische Modellierung des Atomkriegsrisikos: Eine kritische Analyse
Die historische Dimension der atomaren Bedrohung
Während des Kalten Kriegs war die atomare Bedrohung ein zentrales Thema der globalen Politik. Die USA und die Sowjetunion hatten ein riesiges Arsenal an Atomwaffen angehäuft, das ausgereicht hätte, um die Menschheit mehrfach zu vernichten. Die Angst vor einem eskalierenden Atomkrieg, der weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht hätte, war allgegenwärtig. Doch wie realistisch war diese Bedrohung? Diese Frage hat der italienische Wissenschaftler Vincenzo Alfano von der Universität Neapel in einer detaillierten Studie untersucht.
Die methodischen Herausforderungen der Risikobewertung
Die Bewertung des Risikos eines globalen Atomkriegs stellt eine besondere Herausforderung dar. Im Gegensatz zu anderen Risiken, wie etwa dem Verlust beim Roulette, gibt es keine empirischen Daten über vergangene Atomkriege. Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Roulettekugel auf ein bestimmtes Feld fällt, ist genau bekannt, weil das Spiel nach klaren Regeln funktioniert und milliardenfach gespielt wurde. Ein globaler Atomkrieg hingegen ist ein einmaliges Ereignis, das – glücklicherweise – noch nicht stattgefunden hat.
Alfano hat sich diesem Problem auf indirektem Wege genähert. Er hat nach historischen Ereignissen gesucht, die in der Theorie einen globalen Atomkrieg hätten auslösen können. Dabei hat er sich auf gut dokumentierte Fälle beschränkt, um die Qualität der Daten zu gewährleisten. Beispiele hierfür sind die Kubakrise von 1962 und der Jom-Kippur-Krieg von 1973. Insgesamt konnte Alfano acht solcher Fast-Atomkriege identifizieren, die seinen strengen Qualitätskriterien entsprachen.
Die Formel und ihre Parameter
Das Herzstück von Alfanos Studie ist eine mathematische Formel, die das jährliche Risiko eines Atomkriegs (λ) modelliert. Die Formel berücksichtigt mehrere Parameter: N steht für die Anzahl der dokumentierten Fast-Atomkriege, T für den beobachteten Zeitraum. Da nicht alle relevanten Ereignisse dokumentiert sein dürften, führt Alfano den Parameter α ein, der den Bruchteil der tatsächlich beobachteten Ereignisse beschreibt. Der Parameter p_esc gibt schließlich die Wahrscheinlichkeit an, dass eines dieser Ereignisse tatsächlich in einen globalen Atomkrieg mündet.
Die Unsicherheit der Parameter und ihre Folgen
Die Werte für α und p_esc sind naturgemäß unbekannt. Alfano hat daher bayessche Prior-Verteilungen genutzt, um diese Parameter abzuschätzen. Auf dieser Grundlage hat er drei Szenarien entwickelt: ein optimistisches, ein moderates und ein pessimistisches. Im optimistischen Szenario beträgt das jährliche Risiko 0,1 Prozent, im moderaten 0,38 Prozent und im pessimistischen 1,55 Prozent. Diese Zahlen mögen auf den ersten Blick gering erscheinen, doch sie beschreiben ein jährliches Risiko, das sich über die Zeit akkumuliert.
Die mediane Überlebenszeit der Menschheit
Um die langfristigen Auswirkungen dieses Risikos zu verdeutlichen, hat Alfano die mediane Überlebenszeit berechnet. Dies ist der Zeitraum, nach dem die Überlebenswahrscheinlichkeit der Menschheit auf 50 Prozent sinkt. Im optimistischen Szenario beträgt diese Zeit 609 Jahre, im pessimistischen Szenario lediglich 45 Jahre. Diese Zahlen sind keine Vorhersagen, sondern dienen dazu, das modellierte Risiko greifbar zu machen. Sie zeigen, wie sich ein scheinbar geringes jährliches Risiko über die Zeit zu einer erheblichen Bedrohung summieren kann.
Die Bedeutung der Studie für die Risikoforschung
Alfanos Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Risikoforschung. Sie zeigt, wie komplex die Bewertung von existenziellen Risiken ist, für die es keine historischen Präzedenzfälle gibt. Die Studie unterstreicht auch die Bedeutung indirekter Methoden, um solche Risiken abzuschätzen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass selbst kleine jährliche Risiken über lange Zeiträume hinweg eine erhebliche Bedrohung darstellen können. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, nicht nur für die Bewertung der atomaren Bedrohung, sondern auch für andere globale Risiken.