Die Neubewertung eines nationalen Mythos: Ungarn und die Revolution von 1956
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Die Neubewertung eines nationalen Mythos: Ungarn und die Revolution von 1956

Die Neubewertung eines nationalen Mythos

Der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar, ein promovierter Rechtsanwalt aus einer bürgerlich-konservativen Akademikerfamilie, legt als Regierungschef großen Wert auf Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur. Bei seinen öffentlichen Auftritten breitet er je nach Ort und Gelegenheit oft ausführliche historische Zusammenhänge aus und erwähnt dabei Namen historischer ungarischer Figuren, bei denen viele seiner Landsleute zunächst im Lexikon nachschlagen müssen. Bisweilen verlegt er sogar Regierungssitzungen absichtlich an historisch bedeutsame Orte, was manche Beobachter in Ungarn dazu veranlasst, ihn als geschichtsbesessen zu bezeichnen. An diesem Freitag, dem 23. Oktober 2026, hat Magyar nun die vorerst größte historische Gedenkfeier seiner bisher knapp sechsmonatigen Amtszeit anberaumt, nämlich die Feier zum 70. Jahrestag der antikommunistischen und antisowjetischen ungarischen Revolution von 1956. Diese Revolution wurde seinerzeit durch eine brutale Militäroffensive der Sowjetunion in Ungarn blutig niedergeschlagen, was tiefe Narben in der nationalen Erinnerung hinterließ. Neben dutzenden Gedenkveranstaltungen in der Hauptstadt Budapest wird auch landesweit an zahlreichen anderen Orten an die schicksalhaften Wochen von 1956 erinnert, während sich viele internationale Staatsgäste für den Tag angekündigt haben, darunter die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen. Am Nachmittag hält Magyar auf dem Kossuth-Platz vor dem Parlament die zentrale Festrede, die als eine der größten derartigen Gedenkfeiern seit der Erhebung des 23. Oktober zum Staatsfeiertag im Jahr 1990 gilt.

Die Vollendung der Revolution und die Abrechnung mit Orban

Obgleich die diesjährige Feier ohne Peter Magyar kleiner ausgefallen wäre, ist sie keineswegs ein übertriebenes Historienspektakel, sondern vielmehr von brennender und schmerzlicher Aktualität im Land nach der Abwahl des Orban-Regimes im April 2026. Die Revolution von 1956 stellte einen der seltenen Kollektivmomente in der modernen ungarischen Geschichte dar, bei dem Studenten, Akademiker und Arbeiter gemeinsam gegen den sowjetischen Totalitarismus und die politische Unterdrückung aufstanden. Die Erinnerung an diese Revolution und die Forderung nach einem würdigen Neubegräbnis des wegen seiner Rolle während des Volksaufstands hingerichteten Ministerpräsidenten Imre Nagy trugen als kollektiver Moment schließlich auch 1989 zum Ende der Diktatur und zum Systemwechsel bei. Viktor Orban startete seine große politische Karriere am 16. Juni 1989 mit einer berühmten Rede auf dem Budapester Heldenplatz, am Tag der Umbettung von Imre Nagy und seinen Mitstreitern, wobei er damals den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn forderte, allerdings nicht als Erster an jenem Tag, denn wenige Minuten vor ihm hatte bereits der Vorsitzende des Groß-Budapester Arbeiterrates von 1956, Sandor Racz, gefordert, man müsse der Sowjetunion helfen, ihre Truppen abzuziehen. Sechseinhalb Monate nach Orbans Abwahl will Peter Magyar das Bild von 1956 nun nicht einfach nur zurechtrücken, sondern vielmehr einen neuen Kollektivmoment für die nach 16 Jahren Orban tief gespaltene ungarische Gesellschaft schaffen und sieht die Abwahl des Orban-Systems 2026 als Vollendung von 1956, als friedliche Revolution und als Beginn eines weiteren Systemwandels.

Die systematische Geschichtsverdrehung unter Orban

Nachdem Viktor Orban 2010 zum zweiten Mal als Premier an die Macht kam, begannen er und die Propagandisten seines Systems, die Erinnerung an 1956 mit teils haarsträubenden Propagandalügen in ihrem Sinne umzudeuten, vermutlich um Moskau nicht zu verärgern. Dabei verschwieg Viktor Orban in seinen Festreden am 23. Oktober mit jedem Jahr immer mehr die blutige Rolle des sowjetischen Imperialismus, bis sie am Ende fast vollständig verschwand, was als Orwellsche Momente der Geschichtsfälschung bezeichnet werden können. Das ungarische Portal Telex rechnete 2025 akribisch aus, wie oft Orban in seiner damaligen Gedenkrede am 23. Oktober das Wort Brüssel erwähnt hatte, nämlich ganze 21 Mal, während Moskau überhaupt nicht vorkam, das Adjektiv russisch lediglich zweimal und sowjetisch nur einmal verwendet wurde. Kurz zuvor hatte sich ein enger Vertrauter Orbans, sein Wahlkampagnenchef und Namensvetter Balazs Orban, sogar zu der höchst kontroversen Aussage verstiegen, dass Ungarn aufgrund der eigenen Gewalterfahrung von 1956 der Ukraine nicht empfohlen hätte, beim russischen Angriff vor vier Jahren Widerstand zu leisten, und hinzugefügt, dies wäre verantwortungslos gewesen. In seiner Rede am 16. Juni 2026 im ungarischen Parlament erklärte Magyar hingegen, nach 70 Jahren sehe man nun, dass die ungarische Nation dort angekommen sei, wo die Revolutionäre von 1956 hinwollten, und dass die Heimat aus eigener Entscheidung Teil der freien Welt geworden sei, wobei er auch behauptete, Orban habe seinen berühmten Auftritt auf dem Heldenplatz 1989 zu Kleingeld eingewechselt.

Die historische Spaltung und die Öffnung der Staatssicherheitsakten

Das Gedenken an die Revolution von 1956 spaltet die ungarische Gesellschaft und Öffentlichkeit spätestens seit Mitte der 1990er Jahre immer wieder tief, weshalb das diesjährige Gedenken unter Magyar zu einem Akt weitgehender nationaler Einheit werden dürfte. Im Jahr 1994 wurde der sozialistische Politiker Gyula Horn ungarischer Premier, der 1989/90 Außenminister der kommunistischen Reformregierung gewesen, aber 1956 auch Soldat in den militärischen Sondereinheiten, den sogenannten Steppjacken-Brigaden, gewesen war, die sowjetischen Truppen halfen, die Revolution niederzuschlagen, wobei er seinen Dienst dort mit den Worten kommentierte: Na und? Ungarn hatte auch nach der Jahrtausendwende noch einmal zwei Regierungschefs mit kommunistischer Vergangenheit, darunter Peter Medgyessy, der unter dem Code-Namen D-209 viele Jahre lang als Offizier der Spionageabwehr gearbeitet hatte. Eine Rede von Ferenc Gyurcsany, ehemals kommunistischer Jugendfunktionär, löste um den 50. Gedenktag am 23. Oktober 2006 herum die schwersten postkommunistischen Unruhen aus, gefolgt von einem äußerst brutalen Polizeieinsatz, nachdem eine kurz zuvor geleakte interne Rede zugegeben hatte, dass die Sozialistische Partei das Volk vor der Wahl im Frühjahr 2006 über die wirtschaftliche Situation und anstehende Sparmaßnahmen bewusst getäuscht hatte. Die Unruhen vom Oktober 2006 trugen maßgeblich zur Politisierung des heutigen ungarischen Premiers Peter Magyar bei, der damals als junger Anwalt Opfern von Polizeigewalt bei den Unruhen half. Heute will Magyar neben der Abrechnung mit dem Orban-Regime auch das lang geschlossene Kapitel der kommunistischen Staatssicherheitsvergangenheit Ungarns wieder aufschlagen, wobei ursprünglich die sogenannten Agentenakten, Verzeichnisse mit den Namen von Offizieren, Agenten und Informanten der ungarischen Staatssicherheit, am 23. Oktober hätten geöffnet werden sollen, was jedoch aus technischen Gründen auf den 4. November verschoben wurde, den Tag, an dem 1956 die sowjetische Großoffensive zur Niederschlagung der ungarischen Revolution begann. Obwohl der Ex-Premier Viktor Orban unlängst zu nationalem Widerstand gegen die Magyar-Regierung aufrief und dabei in einer weit interpretierbaren Formulierung letztlich auch Gewalt nicht ausschloss, ist es angesichts der nie dagewesenen Zustimmungswerte für Magyar und seine Partei eher unwahrscheinlich, dass es an diesem 23. Oktober erneut zu Unruhen kommt.

Dieser Text greift Themen und Fakten aus einer Quelle auf und gibt sie in eigenen Worten wieder, angepasst an Sprachniveau C2.

Lizenz des Textes und des Quiz: CC BY-NC 4.0

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Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Aus welcher Familie stammt Peter Magyar?
  2. 2. Was bezeichnete der Text als Orwellsche Momente der Geschichtsfälschung?
  3. 3. Was kommentierte Gyula Horn zu seinem Dienst in den Steppjacken-Brigaden?
  4. 4. Wann begann die sowjetische Großoffensive zur Niederschlagung der Revolution 1956?
  5. 5. Was behauptete Magyar über Orbans Auftritt 1989?
  6. 6. Warum ist es unwahrscheinlich, dass es am 23. Oktober 2026 zu Unruhen kommt?
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