Herbert Blomstedt: Das Vermächtnis des bescheidenen Weltbürgers
Das Vermächtnis von Herbert Blomstedt
Am 5. November 2026 verstarb in Göteborg der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt im Alter von 99 Jahren, nachdem er über sieben Jahrzehnte hinweg die internationale Musikszene geprägt hatte. Er war ein Weltbürger mit Charisma. Geboren am 11. Juli 1927 in den USA als Sohn schwedischer Eltern – sein Vater war ein adventistischer Pastor, seine Mutter Pianistin –, studierte Blomstedt zunächst Geige in Stockholm und später Dirigieren in New York, wo er unter anderem mit Leonard Bernstein arbeitete. Seine musikalische Ausbildung ergänzte er durch Studien der Renaissance- und Barockmusik in Basel sowie der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts in Darmstadt. Diese vielseitige Ausbildung prägte seinen Stil, der durch geistige Energie und einen einigenden Willen gekennzeichnet war. Noch im hohen Alter, zuletzt nach einem Sturz im Juni 2022 nur noch im Sitzen, dirigierte er weltweit, wobei jedes seiner Konzerte mit Standing Ovations endete. Seine Orchestermusiker schätzten ihn als bescheidenen, charmanten und respektvollen Maestro, der jegliche Starallüren von sich wies.
Zwischen den Blöcken: Blomstedt in der DDR
Eine besondere Rolle spielte Blomstedts Tätigkeit von 1975 bis 1985 als Chefdirigent und anschließend Generalmusikdirektor der Staatskapelle Dresden, die damals Teil der DDR war. Dass ein Westeuropäer diese Position in einem kommunistischen Staat annahm, sorgte seinerzeit für erhebliches Aufsehen. Die Menschen kamen aus aller Welt. In einer Ansprache im November 2018 in der Dresdener Semperoper räumte Blomstedt ein: „Ich habe lange gezögert in einer kommunistischen Diktatur Chefdirigent zu werden“, doch das Orchester habe ihn fasziniert. Anlass der Rede war ein Solidaritätskonzert gegen rechte Gewalt, nachdem Rechtsradikale in Chemnitz regelrecht Jagd auf Migranten gemacht hatten. Gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“ betonte Blomstedt, dass Musiker trotz ihrer begrenzten Reichweite nicht schweigen dürften, da Musik eine verbindende Kraft besitze, die das Feld nicht den Schreihälsen überlassen dürfe. Diese Haltung machte ihn zu einem wahren Brückenbauer zwischen Ost und West.
Internationale Stationen und Ehrungen
Nach Dresden leitete Blomstedt von 1985 bis 1995 das San Francisco Symphony Orchestra und übernahm später von 1998 bis 2005 in der Nachfolge von Kurt Masur die musikalische Leitung des Gewandhausorchesters in Leipzig. Er spielte auch Sinfonien von Beethoven, Bruckner und Schubert ein. Bruckners siebte Sinfonie dirigierte er oft und kannte sie auswendig. Sowohl die Staatskapelle Dresden als auch das Gewandhausorchester ernannten ihn zu ihrem Ehrendirigenten, ebenso wie die Wiener Philharmoniker, die Bamberger Symphoniker, das San Francisco Symphony Orchestra und das NHK Symphony Orchestra in Tokio. Für sein herausragendes Engagement um die Pflege internationaler kultureller Beziehungen erhielt er 2022 die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, das Große Verdienstkreuz mit Stern, wobei der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer ihn als „Brückenbauer im besten Wortsinn“ würdigte. Blomstedt blieb der sächsischen Region sein Leben lang verbunden und förderte insbesondere die Werke schwedischer und nordischer Komponisten wie Sibelius und Carl Nielsen.
Glaube, Bescheidenheit und langes Leben
Blomstedts außergewöhnliche Langlebigkeit – er war der dienstälteste international auftretende Spitzendirigent – führte er auf seinen Glauben an Gott, eine gesunde Lebensweise und die klassische Musik zurück, die Intellekt und Emotionen gleichermaßen stimuliere. Johann Sebastian Bach war sein Idol. Als bekennender Siebenten-Tags-Adventist war er in einer tiefgläubigen Familie aufgewachsen, in der täglich aus der Bibel vorgelesen und gebetet wurde. Zeit seines Lebens war er Vegetarier, Nichtraucher, mied Alkohol und praktizierte Yoga. Trotz körperlicher Gebrechlichkeit in den letzten Jahren blieb er geistig fit und studierte Partituren stets akribisch, selbst wenn er sie auswendig kannte. Bei Tourneen reiste er mit dem Orchester im Bus und verlangte in Hotels keine Sonderbehandlung. Blomstedt starb friedlich zu Hause im Kreis seiner Familie, zu der seine vier Töchter gehörten; seine Frau Waltraud war bereits 2003 verstorben.