ARD-DeutschlandTrend: Große Mehrheit hat Verständnis für Jugendproteste
Demonstrationen und gesellschaftliche Resonanz
Zehntausende Menschen folgten am Wochenende dem Aufruf der Initiative „Gen Z regelt“ und demonstrierten in zahlreichen deutschen Städten, um ihren politischen Anliegen Gehör zu verschaffen, wobei der 20. November als nächster Protesttag angekündigt ist. Eine repräsentative Umfrage des Instituts infratest dimap, die vom 2. bis 4. November 2026 unter 1.297 wahlberechtigten Personen in Deutschland durchgeführt wurde – mittels Telefon- und Onlineinterviews –, offenbart ein ambivalentes Stimmungsbild: Während 82 Prozent der Befragten der Ansicht sind, dass die Politik die Anliegen junger Menschen nicht gut genug berücksichtigt, bringen fast drei Viertel der Bevölkerung Verständnis für die Demonstrierenden auf, und neun von zehn halten die Teilnahme an angemeldeten Demonstrationen für ein gerechtfertigtes Mittel, um einen politischen Standpunkt zur Geltung zu bringen. Gleichzeitig lehnen 95 Prozent Gewalt gegen Personen oder Sachen als politisches Mittel kategorisch ab, und gut zwei Drittel wollen Straßenblockaden nicht in Kauf nehmen. In der Innenstadt von Frankfurt am Main kam es am Rande der Proteste zu Ausschreitungen, bei denen mehrere Geschäfte geplündert und Polizisten verletzt wurden, doch die Initiative „Gen Z regelt“ distanzierte sich ausdrücklich von der Gewalt, und nach bisherigen Erkenntnissen waren die gewalttätigen Gruppen auch nicht eindeutig der Initiative zuzurechnen.
Politische Ohnmacht und ökonomische Perspektiven
Der Protestforscher Jannis Julien Grimm von der Freien Universität Berlin sieht hinter den Protesten eine gemeinsame Erfahrung politischer Ohnmacht: Junge Menschen würden die langfristigen Konsequenzen heutiger Entscheidungen besonders stark zu spüren bekommen, verfügten aber gleichzeitig über vergleichsweise wenig politisches Gewicht. Diese Wahrnehmung spiegelt sich in den Umfragedaten wider: In allen Altersgruppen sagt aktuell eine Mehrheit, dass es die heutige junge Generation schwerer habe als frühere Generationen, eigenen Wohlstand aufzubauen, und bereits im Oktober zeigte der ARD-DeutschlandTrend, dass vor allem die 18- bis 34-Jährigen die Sorge trieb, ihren Lebensstandard künftig nicht halten zu können. Dennoch finden 54 Prozent aller Befragten, dass es jeder in Deutschland durch Fleiß und Leistung zu Wohlstand bringen könne, während unter den 18- bis 34-Jährigen eine Mehrheit von 55 Prozent diesem Aufstiegsversprechen misstraut. In einer Rede bei den Protesten in Berlin kritisierte die Sprecherin der Initiative, Kaja Schwab, dieses Versprechen und führte aus, der Jugend sei erzählt worden, „wenn wir uns nur genug anstrengen, wird es uns gut gehen“, stattdessen sei das Leben schwer bezahlbar geworden und die junge Generation solle „in den Kriegsdienst gezwungen werden“.
Wehrdienstregelung und parteipolitische Kompetenzzuschreibungen
Hinsichtlich der Wehrdienstregelung, die seit Januar 2026 gilt und wonach alle jungen Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 gemustert werden sowie verpflichtend einen Fragebogen ausfüllen müssen, während der Wehrdienst selbst freiwillig bleibt, zeigt sich ein gespaltenes Bild: 64 Prozent der Befragten halten die Regelung für richtig, unter den 18- bis 34-Jährigen bewerten 48 Prozent die Neuregelung als richtig und 42 Prozent als falsch. Die Protestierenden fordern darüber hinaus mehr Investitionen in Schulen, bezahlbaren Wohnraum, soziale Gerechtigkeit und mehr Klimaschutz. Bei der Frage, wem die junge Generation zugetraut wird, sich für ihre Belange einzusetzen, richtet sich der Blick der 18- bis 34-Jährigen vor allem auf die Linke und die AfD: 29 Prozent trauen der Linkspartei die größte Kompetenz zu, 21 Prozent der AfD, während den Grünen zwölf Prozent, der Union fünf Prozent und der SPD drei Prozent zugesprochen werden. Auch bei Bildungspolitik und bezahlbarem Wohnraum sehen junge Menschen die Kompetenz bei Linken und AfD. Bemerkenswert ist allerdings, dass in allen Politikfeldern rund ein Fünftel aller Befragten keiner Partei zutraut, die jeweilige Aufgabe zu lösen.
Regierungskritik und Wahlabsichten
Der Frust über die Politik beschränkt sich jedoch nicht nur auf die junge Generation, sondern durchzieht sämtliche Altersgruppen: Insgesamt sind aktuell 87 Prozent mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden, und mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sind 85 Prozent unzufrieden. Allein die Klimapolitik bleibt aus Sicht sowohl der jungen als auch der älteren Generationen Sache der Grünen, denen in diesem Feld am ehesten zugetraut wird, eine gute Klima- und Umweltpolitik zu betreiben, während die regierenden Parteien CDU/CSU und SPD in diesen Politikfeldern noch bei den über 65-Jährigen punkten können. Bei der Sonntagsfrage käme die AfD unverändert auf 27 Prozent, gefolgt von CDU/CSU mit 20 Prozent, den Grünen mit 16 Prozent, der SPD mit 13 Prozent und der Linken mit elf Prozent, während die FDP und das BSW mit je drei Prozent unterhalb der Mandatsschwelle lägen.