Ilse Aigner: Zwischen Bodenständigkeit und Staatsoberhaupt
Von der Gemeinderätin zur Bundesministerin
Ilse Aigner, 61 Jahre alt und aus Feldkirchen-Westerham in Oberbayern stammend, hat einen ungewöhnlichen politischen Werdegang hinter sich. Anders als viele ihrer Vorgänger verfügt sie weder über ein Abitur noch über ein Jurastudium. Ihr politisches Interesse wurde in der Familie geweckt, wo der Vater als Elektromeister und CSU-Gemeinderat fungierte. 1990 übernahm sie dessen Amt im Gemeinderat und machte sich schnell einen Namen durch pragmatische Projekte wie den Rosenheimer Nachtexpress, einen Disco-Bus, der Jugendliche sicher von den Dörfern in die Stadt beförderte. Diese frühe Erfahrung prägte ihren Stil: lebensnah, pragmatisch und direkt am Bürger orientiert. Sie ist die Jüngste von vier Töchtern.
Krisenmanagement im Verbraucherschutz
2008 übernahm Aigner das als besonders undankbar geltende Amt der Bundesverbraucherschutzministerin im Kabinett Merkel. Unmittelbar nach ihrem Amtsantritt folgten eine Reihe von Lebensmittelskandalen, darunter EHEC auf Sprossen, Dioxin in Eiern und Pferdefleisch in Fertiglasagne. Während andere Minister bei vergleichsweise geringfügigeren Problemen zurücktreten mussten, gelang es Aigner, diese Krisen zu managen. Sie verhandelte auf EU-Ebene, sorgte für angemessene Ausgleichszahlungen an betroffene Bauern und stellte sicher, dass Konsequenzen gezogen wurden. Ihre Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen Ruhe zu bewahren und lösungsorientiert zu handeln, festigte ihren Ruf als kompetente Krisenmanagerin innerhalb der CSU. Dabei zeigte sie stets eine bemerkenswerte Gelassenheit.
Konkurrenz und Aufstieg in Bayern
Nach ihrer Zeit in Berlin kehrte Aigner 2013 nach Bayern zurück und wurde Wirtschaftsministerin sowie stellvertretende Ministerpräsidentin unter Horst Seehofer. Obwohl sie zeitweise als dessen „Kronprinzessin" galt und Ambitionen auf das Ministerpräsidentenamt hegte, musste sie sich letztlich Markus Söder geschlagen geben. 2018 übernahm sie stattdessen das Amt der Landtagspräsidentin, wo sie sich zunehmend überparteilichen Respekt erwarb. In dieser Rolle zeigte sie klare Kante gegenüber der AfD, etwa als sie einer AfD-Abgeordneten das Mikrofon abdrehte, und setzte sich gleichzeitig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Ihre Reise nach Srebrenica, wo sie die Mütter der Ermordeten in den Arm nahm, unterstrich ihre empathische und menschennahe Art. Sie versteht es, Brücken zu bauen.
Auf dem Weg zur Bundespräsidentin
Seitdem Markus Söder sie im Frühjahr offiziell als mögliche Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin ins Gespräch brachte, hält sich Aigner bedeckt. Auf entsprechende Fragen antwortet sie stets mit dem Satz: „Es gibt Schlimmeres, als für geeignet gehalten zu werden." Sollte sie Ende Januar von der Bundesversammlung tatsächlich gewählt werden, wäre sie die erste Frau im höchsten Staatsamt Deutschlands. Sie hätte dann das Amt der Bundespräsidentin inne. Angesichts ihrer langjährigen Erfahrung in präsidialen Aufgaben als Landtagspräsidentin gilt sie als bestens vorbereitet. Auch ihre Fähigkeit, sowohl mit Bürgern als auch auf internationaler Ebene zu kommunizieren, spricht für sie. Zudem genießt sie unangefochtenes Ansehen innerhalb der eigenen Partei.