Die Konfrontation zwischen Kirchen und AfD in Sachsen-Anhalt: Ein paradigmatischer Konflikt um Demokratie, Werte und die Zukunft Deutschlands
Kirchen als zivilgesellschaftliche Akteure in einer post-säkularen Landschaft
Sachsen-Anhalt, ein Bundesland mit einer Konfessionslosenquote von über 85 Prozent, stellt einen paradigmatischen Fall für die Rolle der Kirchen in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft dar. Trotz ihrer geringen Mitgliederzahlen agieren die evangelische und katholische Kirche als zentrale zivilgesellschaftliche Akteure, die sich in den demokratischen Diskurs einbringen. Die vor der Magdeburger Kathedrale gehissten Fahnen mit den Aufschriften „Nächstenliebe“, „Dialog“, „Menschenwürde“ und „Solidarität“ symbolisieren diesen Anspruch. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl, bei der die AfD laut Umfragen die absolute Mehrheit erringen könnte, avancieren die Kirchen zu entschiedenen Kritikern der rechtsextremen Partei, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wurde.
Die AfD und ihr systematischer Angriff auf die institutionelle Kirche
Das im April 2025 beschlossene Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt markiert einen systematischen Angriff auf die institutionelle Autonomie und finanzielle Grundlage der Kirchen. Die Partei fordert die vollständige Streichung staatlicher Zahlungen an die evangelische und katholische Kirche, die Abschaffung des Kirchensteuereinzugs durch staatliche Behörden sowie die finanzielle Sanktionierung von Kirchenasyl. Darüber hinaus soll die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt jegliche staatliche Förderung verlieren, da sie sich laut AfD für „politische Agitation im Sinne der Altparteien“ – konkret für Klimaschutz, Gendergerechtigkeit und die Unterstützung von LGBTQ+-Rechten – einsetze. Diese Forderungen sind Teil einer umfassenden Strategie, die Kirchen als politische Akteure zu delegitimieren und ihre gesellschaftliche Einflussnahme zu beschneiden.
Völkischer Nationalismus und die Instrumentalisierung christlicher Symbolik
Bischof Gerhard Feige hat die AfD in mehreren Predigten scharf kritisiert und ihre Politik als völkischen Nationalismus charakterisiert. In einer vielbeachteten Predigt vor 3000 Gläubigen warnte er davor, „aus dem Bauch heraus ins Blaue hinein“ zu wählen – eine Anspielung auf die Parteifarbe der AfD. Feige verweist auf Wahlkampfslogans wie „Rettet euer Land“ oder „Holt euch euer Land zurück“ und interpretiert diese als Ausdruck einer völkisch-nationalistischen Ideologie. Besonders problematisch erscheint ihm die Forderung der AfD nach Wiedereinführung des Fahnenappells an Schulen, einer Praxis, die an die NS-Zeit und die DDR erinnert. Die AfD instrumentalisiert dabei christliche Symbolik, indem sie den Kirchen vorwirft, ihren „christlichen Auftrag“ nicht zu erfüllen – eine Rhetorik, die an die Unterstützung Donald Trumps durch evangelikale Gruppen in den USA erinnert.
Die Kirchen zwischen theologischer Grundlegung und politischem Engagement
Die evangelische und katholische Kirche betonen, dass ihre Kritik an der AfD nicht parteipolitisch motiviert ist, sondern auf einer theologischen Grundlegung basiert. Bischof Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, erklärt: „Unsere Mahnungen sind zunächst keine politischen, sondern christliche Botschaften.“ Die Kirchen positionieren sich damit in einer Tradition, die politische Verantwortung aus dem christlichen Menschenbild ableitet. Kramer warnt vor den „brachialen Folgen“ einer AfD-Regierung, während Feige die Partei als „Pilotprojekt“ für eine rechtsextreme Bundespolitik bezeichnet. Beide Bischöfe kritisieren die messianische Rhetorik der AfD, die mit Versprechungen wie „Es wird alles gut“ oder „Alles ist möglich“ wirbt, während sie gleichzeitig rechtsextreme Positionen vertritt.
Religionsfreiheit im AfD-Diskurs: Eine selektive und exkludierende Konzeption
Das Regierungsprogramm der AfD offenbart ein selektives und exkludierendes Verständnis von Religionsfreiheit. Während die Partei betont, die „Religionsfreiheit auf angemessene Maßstäbe zurückführen“ zu wollen, bezeichnet sie den Islam als „kulturfremde Religion“ und fordert, dass die Religionsfreiheit nicht dazu zwingen dürfe, „jeden Wunsch der Islamlobby zu erfüllen“. Juden und jüdisches Leben werden im Programm mit keinem Wort erwähnt, was auf eine bewusste Ausgrenzung hindeutet. Die AfD konstruiert damit eine Hierarchie der Religionen, in der das Christentum als kulturelle Identitätsmarker fungiert, während andere Religionen als Bedrohung dargestellt werden. Diese Konzeption steht im Widerspruch zu den universellen Menschenrechten und der pluralistischen Grundordnung des Grundgesetzes.