Neue bioarchäologische Erkenntnisse: Waren ägyptische Prinzessinnen Kriegerinnen?
Archäologische Funde in Dahschur
Das Pyramidenfeld von Dahschur, etwa 40 Kilometer südlich von Kairo, ist bekannt für seine historischen Schätze. Hier entdeckte man die Gräber von Prinzessinnen aus der 12. Dynastie des Mittleren Reichs (ca. 1850–1700 v. Chr.). In den Gräbern der Prinzessinnen Ita, Chnumet, Ita-weret und wahrscheinlich Sat-Hathor-merit fanden Archäologen wertvolle Beigaben: Dolche, Bögen, Keulen und andere Waffen. Diese Funde werfen die Frage auf, ob die Prinzessinnen tatsächlich mit Waffen trainiert haben.
Knochenanalysen und ihre Interpretation
Ein Forschungsteam um Zeinab Hashesh untersuchte die Skelette der Prinzessinnen. Die Wissenschaftler fanden sogenannte entheseale Veränderungen – Umbildungen an den Stellen, wo Muskeln und Sehnen am Knochen ansetzen. Diese Veränderungen deuten auf wiederholte körperliche Belastungen hin. Besonders auffällig waren die starken Muskelansätze an Armen, Fingern und Handflächen. Einige Knochen zeigten zudem asymmetrische Veränderungen, was darauf hindeutet, dass eine Körperseite stärker beansprucht wurde. Hashesh und ihr Team schließen daraus, dass die Prinzessinnen geübte Bogenschützinnen und Dolchkämpferinnen waren.
Kontroverse unter Experten
Die Schlussfolgerungen von Hashesh und ihrem Team sind jedoch nicht unumstritten. Der Ägyptologe Wolfram Grajetzki und der Bioarchäologe Sébastien Villotte äußern Zweifel. Sie argumentieren, dass die Knochenveränderungen nicht eindeutig auf den Gebrauch von Waffen zurückzuführen sind. Villotte betont, dass es an Vergleichsdaten fehlt, etwa von nicht-elitären Zeitgenossen. Ohne solche Daten sei es schwierig, zwischen den Bewegungsmustern der Oberschicht und denen der allgemeinen Bevölkerung zu unterscheiden.
Alternative Erklärungen und kritische Betrachtung
Brigitte Holt, eine biologische Anthropologin, weist darauf hin, dass verschiedene wiederholte Bewegungen ähnliche Knochenveränderungen hervorrufen können. Das Bogenschießen beansprucht zwar beide Arme, doch die bei den Prinzessinnen beobachteten Veränderungen waren oft einseitig. Dies könnte auf andere Tätigkeiten hindeuten, wie das Weben oder zeremonielle Handlungen. Holt und ihr Team fanden heraus, dass Bogenschießen typischerweise symmetrische Veränderungen verursacht. Zudem könnte das Alter der Prinzessinnen eine Rolle spielen, da degenerative Veränderungen auch altersbedingt auftreten können.
Symbolische Bedeutung der Grabbeigaben
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Bedeutung der Waffen in den Gräbern. Jacques de Morgan, der die Gräber Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte, berichtete, dass einige Waffen für den praktischen Einsatz unbrauchbar waren. Dies legt nahe, dass sie möglicherweise eine symbolische Funktion hatten. Grajetzki vermutet, dass alle Grabbeigaben rituellen Zwecken dienten, unabhängig von ihrer Funktionalität. Dennoch bleibt die Frage, ob die Knochenveränderungen tatsächlich auf den Gebrauch von Waffen hindeuten oder ob andere Tätigkeiten ähnliche Spuren hinterlassen haben.