Adipositas und Krebs: Neue Erkenntnisse zu einem unterschätzten Risikofaktor
Die Unterschätzung des Krebsrisikos durch Adipositas
Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass etwa zwei bis acht Prozent aller Krebserkrankungen auf Übergewicht und Adipositas zurückzuführen sind. Eine aktuelle Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) unter der Leitung des Epidemiologen Hermann Brenner zeigt jedoch, dass dieser Anteil deutlich höher liegt. Bis zu 11,5 Prozent aller Krebsfälle könnten mit überschüssigem Körperfett in Verbindung stehen. Diese Erkenntnis unterstreicht die Dringlichkeit, Adipositas als einen zentralen Risikofaktor für Krebs ernst zu nehmen.
Bauchfett: Mehr als nur ein Speicher für Kalorien
Frühere Studien zum Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs nutzten häufig den Body-Mass-Index (BMI) als Indikator. Der BMI hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Er differenziert nicht zwischen Fett- und Muskelmasse und gibt keine Auskunft über die Fettverteilung im Körper. Die DKFZ-Studie zeigt, dass insbesondere das viszerale Fett – also das Fett, das sich um die inneren Organe im Bauchraum ansammelt – ein besonders hohes Risiko darstellt. Dieses Fettgewebe ist metabolisch aktiv und setzt Signalmoleküle frei, die chronische Entzündungen fördern und das Tumorwachstum begünstigen können.
Methodische Innovationen und ihre Bedeutung
Die Studie des DKFZ-Teams basiert auf Daten von 458.543 Teilnehmern der britischen UK Biobank. Ein zentraler methodischer Fortschritt bestand darin, die ersten sieben Jahre nach Studieneintritt von der Analyse auszuschließen. Dieser Schritt sollte verhindern, dass bereits bestehende, aber noch nicht diagnostizierte Krebserkrankungen das Ergebnis verfälschen. Durch diese Maßnahme wurde der statistische Zusammenhang zwischen Adipositas und Krebs deutlicher sichtbar. Die Ergebnisse zeigen, dass besonders der Taillenumfang und das Taille-Hüfte-Verhältnis starke Prädiktoren für das Krebsrisiko sind.
Geschlechtsspezifische Unterschiede und hormonelle Einflüsse
Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Studie ist der stärkere Zusammenhang zwischen Adipositas und Krebs bei Frauen im Vergleich zu Männern. Der Epidemiologe Michael Leitzmann von der Universität Regensburg vermutet, dass hormonelle Faktoren eine Rolle spielen könnten. Bestimmte Krebsarten, von denen Frauen häufiger betroffen sind – wie Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs – sind hormonabhängig. Überschüssiges Bauchfett kann den Östrogenspiegel erhöhen, was das Wachstum dieser Tumore fördert. Dennoch betont Leitzmann die Notwendigkeit weiterer Studien, um diese Hypothese zu bestätigen.
Prävention als Schlüssel zur Krebsbekämpfung
Die Ergebnisse der DKFZ-Studie unterstreichen die Bedeutung der Prävention von Adipositas für die Krebsbekämpfung. Während das erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes durch Übergewicht allgemein bekannt ist, wird der Zusammenhang mit Krebs oft unterschätzt. Leitzmann sieht in den neuen Erkenntnissen eine Chance: Durch gezielte Präventionsmaßnahmen könnte ein erheblicher Beitrag zur Reduzierung von Krebsfällen geleistet werden. Dies erfordert jedoch ein Umdenken in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge und eine stärkere Aufklärung über die Risiken von Adipositas.