Nigers Militärregierung: Eine Bilanz nach drei Jahren – Sicherheitsdilemma, geopolitische Neuorientierung und soziale Spannungen
Die Legitimationskrise der Militärjunta
Seit dem Staatsstreich vom 26. Juli 2023 regiert in Niger eine Militärjunta unter der Führung von General Abdourahamane Tiani. Die Machtübernahme wurde mit der prekären Sicherheitslage und der angeblichen Unfähigkeit der zivilen Regierung unter Mohamed Bazoum begründet. Drei Jahre später zeigt sich, dass die Junta ihre Versprechen nicht einlösen konnte. Die Sicherheitskrise hat sich verschärft, und die sozioökonomischen Bedingungen sind für große Teile der Bevölkerung weiterhin katastrophal. Die Legitimität der Militärregierung steht damit zunehmend infrage.
Die Eskalation der dschihadistischen Gewalt und ihre humanitären Folgen
Die Region Tillabéry im Südwesten Nigers ist zum Epizentrum der Gewalt geworden. Zwei konkurrierende dschihadistische Gruppen – die Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) und der Islamische Staat in der Provinz Sahel (ISSP) – liefern sich blutige Gefechte, die vor allem die Zivilbevölkerung treffen. Laut der Nichtregierungsorganisation ACLED wurden 2025 fast 1.200 Todesopfer verzeichnet, was Tillabéry zur tödlichsten Region in der zentralen Sahelzone macht. Die humanitären Folgen sind verheerend: Tausende Menschen fliehen in improvisierte Notunterkünfte, wo sie unter extremen Bedingungen leben müssen. Ein lokaler Viehhüter beschreibt die Situation: "Früher konnten wir von unserer Arbeit leben, heute ist selbst Trinkwasser ein Luxus."
Wirtschaftliche Stagnation und die Illusion der Korruptionsbekämpfung
Die Junta hatte bei ihrer Machtübernahme versprochen, die Korruption zu bekämpfen und die Wirtschaft anzukurbeln. Doch die Realität sieht anders aus. Stromausfälle, Benzinknappheit und fehlende Grundversorgung prägen den Alltag. Die 2023 gegründete Kommission zur Bekämpfung von Wirtschafts- und Finanzkriminalität (COLDEFF) hat kaum Fortschritte erzielt. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International rangiert Niger auf Platz 124 weltweit und belegt damit einen der hinteren Plätze in Afrika. Während einige Sozialwissenschaftler wie Hamani Oumarou argumentieren, dass Haushalte mit geringem Einkommen leicht profitiert hätten, bleibt die Mehrheit der Bevölkerung von den versprochenen Reformen unberührt.
Geopolitische Neuorientierung: Die AES und die Distanzierung von der ECOWAS
Nigers Austritt aus der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und die Gründung der Allianz der Sahelstaaten (AES) markieren eine deutliche geopolitische Neuorientierung. Die AES – bestehend aus Niger, Mali und Burkina Faso – hat sich von westlichen Partnern distanziert und sucht stattdessen die Nähe zu Russland. Gleichzeitig gibt es erste Anzeichen für eine mögliche Annäherung zwischen der AES und der ECOWAS. Der guineische Premierminister Lansana Kouyaté, als neuer Verhandlungsführer der ECOWAS akzeptiert, könnte eine Schlüsselrolle spielen. Wirtschaftliche Abhängigkeiten – etwa Nigers Zugang zum Hafen von Benin und die Stromversorgung durch Nigeria – machen Verhandlungen unumgänglich.
Die ambivalente Haltung der nigrischen Jugend
Die nigrische Jugend hatte den Putsch 2023 mehrheitlich unterstützt, in der Hoffnung auf politische Teilhabe und wirtschaftliche Verbesserungen. Drei Jahre später ist die Stimmung gespalten. Während einige in informellen Jugendversammlungen, den sogenannten "Fadas", von kleinen Fortschritten berichten – etwa der Einrichtung einer beratenden Kommission –, äußern andere massive Enttäuschung. Verspätete Gehaltszahlungen, geschlossene Schulen und die anhaltende Unsicherheit prägen den Alltag. Ein Jugendlicher bringt die ambivalente Haltung auf den Punkt: "Früher wurden wir ignoriert, heute werden unsere Stimmen gehört – aber das reicht nicht, wenn sich nichts ändert."