Ökumenische Modelle im Wandel: Die Simultankirche St. Pius in Mannheim und ihre Bedeutung für die Zukunft der Kirchen
Die Simultankirche St. Pius: Ein Modell für die Ökumene
Die katholische Kirche St. Pius im Mannheimer Stadtteil Neuostheim ist ein bemerkenswertes Beispiel für gelebte Ökumene in Deutschland. Seit über einem Jahrzehnt nutzen Katholiken und Protestanten dieses Gotteshaus gemeinsam. Sie feiern nicht nur Gottesdienste im selben Raum, sondern auch Abendmahl und Eucharistie am selben Altar. Diese Praxis ist ein Zeichen für die wachsende Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen in einer Zeit, in der die Kirchen mit sinkenden Mitgliederzahlen und finanziellen Herausforderungen konfrontiert sind.
Historische Wurzeln und moderne Entwicklungen
Die Idee der Simultankirche ist nicht neu. Bereits nach der Reformation wurden in Deutschland 65 Kirchen als Simultankirchen genutzt. Diese wurden von weltlichen Herrschern angeordnet, um Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten zu vermeiden. Bekannte Beispiele sind der Altenberger Dom bei Köln und der Dom St. Petri in Bautzen. Doch während diese historischen Simultankirchen oft aus politischen Gründen entstanden, ist St. Pius ein modernes Beispiel für eine freiwillige und partnerschaftliche Lösung.
Die Zusammenarbeit in Neuostheim begann in den 1970er Jahren mit ökumenischen Gottesdiensten. Ein schwerer Wasserschaden in der evangelischen Thomas-Kirche im Jahr 2009 führte schließlich dazu, dass die Protestanten dauerhaft in St. Pius einzogen. Aus der Notlösung wurde eine Erfolgsgeschichte. Heute ist St. Pius ein Vorreiter für ähnliche Projekte in ganz Deutschland.
Praktische Lösungen für strukturelle Probleme
Die Kirchen in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen. Offizielle Zahlen aus dem Jahr 2025 zeigen, dass es bundesweit etwa 24.500 katholische und 21.100 evangelische Kirchen gibt. Doch Jahr für Jahr werden Dutzende Kirchen aufgegeben, abgerissen oder umgenutzt. Die Gründe dafür sind vielfältig: sinkende Mitgliederzahlen, Priestermangel und finanzielle Engpässe.
In dieser Situation bietet die gemeinsame Nutzung von Kirchen eine praktikable Lösung. Beispiele wie St. Pius zeigen, dass Ökumene nicht nur theologisch, sondern auch praktisch funktionieren kann. In Nordrhein-Westfalen haben die Kirchen bereits 2017 einen "Praxisleitfaden für die ökumenische Nutzung von Kirchen und Gemeindehäusern" veröffentlicht. Dieser Leitfaden enthält Beispiele aus verschiedenen Bistümern und zeigt, wie Gemeinden zusammenarbeiten können.
Symbolische Gesten und konkrete Schritte
Die Renovierung von St. Pius zwischen 2020 und 2022 war ein wichtiger Schritt für die Gemeinschaft. Der neue Altar der Kirche besteht aus zermahlenem Gestein der alten Altäre beider Konfessionen. Diese symbolische Geste steht für die Verbindung zwischen Katholiken und Protestanten. Gleichzeitig zeigt die raue Oberfläche des Altars, dass es weiterhin Unterschiede und offene Fragen gibt.
Ein weiteres Zeichen der Zusammenarbeit ist das "Ökumenische Kinderhaus Neuostheim", das 2018 eröffnet wurde. Hier gibt es keinen katholischen oder evangelischen Kindergarten mehr, sondern eine gemeinsame Einrichtung. Solche Projekte stärken die Gemeinschaft und zeigen, dass Ökumene im Alltag gelebt werden kann.
Ökumene in Ostdeutschland: Zwischen Tradition und Innovation
Auch in Ostdeutschland gibt es Beispiele für ökumenische Zusammenarbeit. In Schildow bei Berlin wird künftig nur noch eine Kirche genutzt – die evangelische. Die katholische Gemeinde beteiligt sich an diesem "ökumenischen Projekt mit Vorbildcharakter". In Dresden-Laubegast feiert die katholische Gemeinde jeden Samstagabend Gottesdienst in den Räumen einer Freikirche. Solche Lösungen sind in Ostdeutschland besonders wichtig, da die katholischen Gemeinden oft klein sind und nicht über ausreichend Kirchenräume verfügen.
Die katholische Deutsche Bischofskonferenz beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema. Sie plant eine Arbeitshilfe zur gemeinsamen Nutzung von Kirchengebäuden. Dabei geht es nicht nur um praktische Lösungen, sondern auch um theologische Fragen. Der historische Begriff "Simultaneum" wird dabei oft verwendet, um die gemeinsame Nutzung zu beschreiben.