Fußball in Serbien: Ein Spiegel politischer und sozialer Spannungen
Der Niedergang der serbischen Nationalmannschaft
Die serbische Fußballnationalmannschaft, einst ein fester Bestandteil der internationalen Fußballszene, hat in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich an Bedeutung verloren. Seit der Unabhängigkeit 2006 und der damit verbundenen Trennung von Montenegro scheitert das Team regelmäßig in der Qualifikation oder spätestens in der Vorrunde großer Turniere. Selbst die Erweiterung der Weltmeisterschaft auf 48 Mannschaften für das Turnier 2026 brachte keine Wende. Die sportliche Krise geht einher mit einem deutlichen Rückgang der Zuschauerzahlen. Bei einem Heimspiel gegen Griechenland fanden sich lediglich 6.000 Fans im Stadion ein – ein Bruchteil der über 50.000 Plätze, die das Stadion von Roter Stern Belgrad bietet.
Rassismus und die Konsequenzen für die Fanszene
Die serbische Fanszene steht seit Jahren in der Kritik. Wiederholt kam es zu rassistischen und diskriminierenden Vorfällen. Ein besonders schwerwiegender Fall ereignete sich bei einem Spiel in der Schweiz, als serbische Fans versuchten, eine albanische Flagge zu verbrennen. Die UEFA reagierte mit einer harten Strafe: Der serbische Fußballverband durfte keine Tickets für zwei Auswärtsspiele verkaufen. Das erste dieser Spiele findet in München gegen Deutschland statt. Die Abwesenheit der serbischen Fans wird als symbolträchtig für die Isolation der serbischen Fußballkultur wahrgenommen.
Die Verquickung von Fußball und Politik
Fußball in Serbien ist untrennbar mit politischen Konflikten verbunden. Ein prägnantes Beispiel ist die posthume Ehrung von Ratko Mladić. Mladić, der für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht und vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Völkermord zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, erhielt in Belgrad ein quasi-staatliches Begräbnis mit militärischen Ehren. Noch bemerkenswerter war die Reaktion der Fans: Die sonst tief verfeindeten Ultras von Roter Stern und Partizan Belgrad ehrten Mladić gemeinsam mit einer aufwendigen Choreografie. Dieses Ereignis unterstreicht die politische Instrumentalisierung des Fußballs und die tiefen gesellschaftlichen Spaltungen in Serbien.
Gesellschaftliche Spannungen und politische Instabilität
Die aktuelle politische Lage in Serbien ist angespannt. Die Regierung unter Präsident Aleksandar Vučić steht unter massivem Druck. Eine studentische Bewegung, die sich nach einem tragischen Unglück in Novi Sad formierte, wirft der Regierung Korruption und Misswirtschaft vor. Bei dem Vorfall stürzte ein Bahnhofsvordach ein, wobei mehrere Menschen ums Leben kamen. Die Studenten machen das politische System Vučić für das Unglück verantwortlich. Wenige Wochen vor einer richtungsweisenden Wahl ist die Nation tief gespalten. Der leere Auswärtsblock in München wird so zu einem Symbol für die Schwierigkeiten, eine gemeinsame nationale Identität zu definieren und zu leben. Die Verbindung von Fußball und Politik zeigt sich hier in ihrer problematischsten Form: als Ausdruck gesellschaftlicher Zerrissenheit.