Narwale als ozeanografische Pioniere: Neue Erkenntnisse zur Atlantifizierung in Ostgrönlands Fjordsystemen
Innovative Datenerhebung in schwer zugänglichen Regionen
Die Fjordsysteme Ostgrönlands zählen zu den am wenigsten erforschten Meeresregionen des Nordatlantiks. Dichtes Meereis, treibende Eisberge und die abgelegene Lage erschweren konventionelle ozeanografische Messungen, insbesondere während der Wintermonate. Um diese Lücke zu schließen, haben Forscher des Greenland Institute of Natural Resources eine unkonventionelle Methode entwickelt: Sie nutzen Narwale (Monodon monoceros) als lebende Messplattformen. Sechs Tiere wurden mit CTD-Sensoren ausgestattet, die Leitfähigkeit (als Maß für den Salzgehalt), Temperatur und Tiefe erfassen. Diese Methode ermöglichte es, Daten aus Regionen und Tiefen zu sammeln, die für Forschungsschiffe nahezu unzugänglich sind.
Dynamik atlantischer Wassermassen in den Fjorden
Die gesammelten Daten liefern neue Einblicke in die Dynamik atlantischer Wassermassen in den Fjordsystemen Ostgrönlands. Die Narwale lieferten insgesamt 2.060 ozeanografische Profile, einige davon aus Tiefen von über 1.500 Metern. Die Auswertung zeigt, dass warmes, salzreiches Atlantic Intermediate Water (AIW) ab etwa 150 Metern Tiefe in die Fjorde vordringt und in tiefen Becken bis nahe an Gletscherfronten heranreicht. Dies deutet auf einen möglichen Mechanismus hin, durch den atlantische Wassermassen den Eisverlust an marinen Gletschern beschleunigen könnten.
Langfristige Trends und Atlantifizierung
Durch die Kombination der Narwaldaten mit historischen Messreihen aus der World Ocean Database konnten die Forscher langfristige Veränderungen in der Wassermassendynamik nachweisen. Zwischen 1960 und 2021 stieg die Temperatur des AIW um durchschnittlich 0,047 Grad Celsius pro Jahr. Gleichzeitig zeigte sich eine Zunahme der Mächtigkeit der Atlantikwasserschicht, während die darüberliegende Polarwasserschicht an Dicke verlor. Dieser Prozess, als Atlantifizierung bekannt, unterstreicht den wachsenden Einfluss atlantischer Wassermassen in der Arktis und hat potenziell weitreichende Konsequenzen für das grönländische Eisschild.
Implikationen für Klimamodelle und Gletscherforschung
Die Ergebnisse der Studie sind von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung von Klimamodellen, die den zukünftigen Eisverlust in Grönland prognostizieren. Um präzise Vorhersagen treffen zu können, müssen diese Modelle die Wechselwirkungen zwischen atlantischen Wassermassen und Gletschern abbilden. Die Narwale lieferten Daten aus Gebieten und Jahreszeiten, die Forschungsschiffe selten erreichen, und schlossen damit eine entscheidende Lücke in der ozeanografischen Datengrundlage. Die Studie zeigt, dass biologische Messplattformen klassische ozeanografische Methoden ergänzen und wertvolle Einblicke in die physikalischen Veränderungen des Arktischen Ozeans liefern können.