Neue Erkenntnisse zur frühen Geschichte der Pest in Sibirien
Revision der Pest-Geschichte
Bisher ging man davon aus, dass die Pest erst in dicht besiedelten Gebieten wie Städten oder unter sesshaften Bauern auftrat. Neue DNA-Untersuchungen von Forschern um Eske Willerslev und Martin Sikora von der Universität Kopenhagen zeigen jedoch, dass die Pest bereits vor etwa 5500 Jahren unter mobilen Jägern und Sammlern in Sibirien grassierte. Diese Erkenntnis stellt bisherige Annahmen über die Verbreitung und die Bedingungen für Pestausbrüche infrage.
Genetische Analysen und ihre Bedeutung
Die Forscher untersuchten die Zähne von 46 Individuen aus vier Friedhöfen entlang des Flusses Angara am Baikalsee. Bei 39 Prozent der untersuchten Toten fanden sie Spuren eines bislang unbekannten Stamms von Yersinia pestis. Diese hohe Infektionsrate deutet darauf hin, dass die Pest für die Jäger und Sammler tödlich war. Radiokarbondatierungen der Knochen zeigen, dass es mindestens zwei Pestausbrüche gab, die jeweils etwa eine Generation andauerten.
Sozioökonomische Bedingungen und Pestverbreitung
Die untersuchten Jäger und Sammler lebten in kleinen, mobilen Familienverbänden. Diese Lebensweise widerspricht der bisherigen Annahme, dass enge und sesshafte Lebensbedingungen für die Verbreitung der Pest notwendig sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die Pest auch in weniger dicht besiedelten und mobilen Gemeinschaften ausbrechen und sich verbreiten konnte. Dies erweitert unser Verständnis der epidemiologischen Dynamik der Krankheit.
Besondere Gefährdung von Kindern
Ein bemerkenswerter Fund war die hohe Anzahl von Kindergräbern auf einem der Friedhöfe. Die Forscher vermuten, dass Kinder besonders anfällig für die Pest waren. Im Erbgut des Steinzeit-Bakteriums fanden sie das Gen ypm, das ein Superantigen codiert. Dieses kann zu einer starken Überreaktion des Immunsystems führen, was besonders für Kinder tödlich sein kann. Vergleichbare Immunantworten sind von modernen Krankheiten wie dem Izumi-Fieber bekannt.
Mögliche Übertragungswege
Die Jäger und Sammler am Baikalsee könnten sich durch den Kontakt mit Murmeltieren infiziert haben. Diese Tiere gelten bis heute als Reservoir für das Pestbakterium. In älteren Gräbern der Region fanden sich Zähne von Murmeltieren, was darauf hinweist, dass die Menschen diese Tiere jagten. Dies legt nahe, dass die Übertragung der Pest auf den Menschen durch den Kontakt mit infizierten Nagetieren erfolgte.