Können Sterbende ihren Todeszeitpunkt bewusst steuern?
Ein bewegender Fall
Eine ältere Dame wurde nach einem schweren Schlaganfall auf die Palliativstation eingeliefert. Neben dem Schlaganfall litt sie an einer Lungenentzündung. Ihr Enkel, der bei ihr aufgewachsen war, besuchte sie regelmäßig. Die Tochter hingegen hatte keinen Kontakt zur Mutter. Der Sterbeprozess zog sich über mehrere Tage hin. Eines Abends kam die Tochter unerwartet zu Besuch. Sie setzte sich ans Bett und sprach kurz mit der Mutter. Wenige Stunden später verstarb die Patientin.
Gibt es ein bewusstes Hinauszögern des Todes?
Die Frage, ob Sterbende ihren Tod bewusst hinauszögern können, wird oft diskutiert. Viele Pflegende und Angehörige berichten von ähnlichen Erfahrungen: Menschen scheinen auf bestimmte Ereignisse zu warten, bevor sie sterben. Das können Besuche von geliebten Menschen sein oder wichtige familiäre Ereignisse wie eine Hochzeit oder die Geburt eines Kindes. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen Menschen allein sterben, obwohl Angehörige anwesend sein wollten.
Wissenschaftliche Untersuchungen
Die Wissenschaft hat sich diesem Thema nur selten gewidmet. Eine Studie aus dem Jahr 2004 untersuchte über 300.000 Sterbefälle und kam zu dem Schluss, dass Krebspatienten ihren Todeszeitpunkt nicht bewusst beeinflussen konnten. Eine ältere Studie aus dem Jahr 1990 zeigte jedoch ein anderes Bild: Bei chinesischen Frauen in Kalifornien sank die Zahl der Todesfälle kurz vor dem Mondfest, um danach wieder anzusteigen. Ein ähnliches Muster fand sich bei jüdischen Bevölkerungsgruppen während des Passahfestes. Bei einer nicht jüdischen Kontrollgruppe gab es solche Schwankungen nicht.
Mögliche Erklärungen
Es bleibt unklar, ob es sich bei diesen Beobachtungen um bewusste Entscheidungen handelt oder um körperliche Prozesse. Manche Forscher vermuten, dass Anspannung und Entspannung eine Rolle spielen könnten. Wenn Angehörige anwesend sind, fühlen sich Sterbende möglicherweise geborgener und können leichter „loslassen“. Umgekehrt könnte es sein, dass manche Menschen allein sterben wollen, um ihre Liebsten nicht zu belasten. Klar ist: Das Gehör ist oft das letzte Sinnesorgan, das seine Funktion verliert. Sterbende können daher möglicherweise verstehen, was um sie herum gesprochen wird, auch wenn sie nicht mehr reagieren.