Die Kontrolle über den Todeszeitpunkt: Mythos oder Realität?
Bild: ElouiseFord · Quelle · CC BY-SA 4.0
Wissenschaft

Die Kontrolle über den Todeszeitpunkt: Mythos oder Realität?

Ein prägnantes Beispiel aus der Praxis

Auf einer Palliativstation lag eine ältere Dame, die nach einem schweren Schlaganfall zusätzlich an einer Lungenentzündung erkrankt war. Ihr Enkel, der bei ihr aufgewachsen war, hielt sich häufig an ihrem Krankenbett auf. Der Kontakt zur Tochter war hingegen abgebrochen. Über mehrere Tage hinweg schien die Patientin im Sterbeprozess zu verharren, als warte sie auf etwas. Als die Tochter schließlich unerwartet zu Besuch kam, setzte sie sich ans Bett und wechselte ein paar Worte mit der Mutter. Kurz darauf verstarb die Frau. Dieser Fall wirft die Frage auf: Können Sterbende ihren Todeszeitpunkt bewusst beeinflussen?

Anekdotische Berichte und wissenschaftliche Studien

Die Frage, ob Menschen ihren Tod hinauszögern können, wird seit Langem diskutiert. Pflegende und Angehörige berichten immer wieder von ähnlichen Beobachtungen: Sterbende scheinen auf bestimmte Ereignisse zu warten, sei es der Besuch eines geliebten Menschen oder ein bedeutsames familiäres Ereignis wie eine Hochzeit oder die Geburt eines Enkels. Allerdings gibt es auch gegenteilige Erfahrungen: Manche Menschen sterben allein, obwohl Angehörige anwesend sein wollten oder sogar versprochen hatten, in der letzten Stunde nicht von der Seite des Sterbenden zu weichen.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen ist begrenzt. Eine Studie aus dem Jahr 2004, die über 300.000 Sterbefälle analysierte, kam zu dem Ergebnis, dass Krebspatienten ihren Todeszeitpunkt nicht bewusst steuern konnten, um wichtige Ereignisse noch zu erleben. Eine ältere Untersuchung aus dem Jahr 1990 zeigte jedoch ein anderes Bild: Der Soziologe David Phillips und sein Kollege analysierten die Sterberaten chinesischer Frauen in Kalifornien rund um das Mondfest und stellten fest, dass die Zahl der Todesfälle vor dem Fest sank, um danach wieder anzusteigen. Ein ähnliches Muster zeigte sich bei jüdischen Bevölkerungsgruppen während des Passahfestes, während eine nicht jüdische Kontrollgruppe keine solchen Schwankungen aufwies.

Mögliche Erklärungsansätze

Die Gründe für diese Beobachtungen sind unklar. Es könnte sich um bewusste Willensentscheidungen handeln, bei denen Sterbende ihren Tod hinauszögern, um ein letztes wichtiges Ereignis noch zu erleben. Ebenso denkbar sind jedoch körperliche Prozesse, die mit Anspannung und Entspannung zusammenhängen. So könnte die Anwesenheit von Angehörigen ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln, das es dem Sterbenden erleichtert, „loszulassen“. Umgekehrt könnte der Wunsch, Angehörige nicht zu belasten, dazu führen, dass Menschen allein sterben. Interessanterweise deuten Beobachtungen darauf hin, dass das Gehör das letzte Sinnesorgan ist, das seine Funktion verliert. Sterbende können daher möglicherweise verstehen, was um sie herum gesprochen wird, auch wenn sie nicht mehr in der Lage sind, zu reagieren.

Praktische Implikationen für die Palliativversorgung

Für die Betreuung sterbender Menschen ist es wichtig, diese möglichen Zusammenhänge zu berücksichtigen. Pflegende und Angehörige sollten offen kommunizieren, was um den Sterbenden herum passiert. Dazu gehört, ihm zu erklären, wann Besucher eintreffen oder wann Angehörige sich vorübergehend zurückziehen müssen. Diese Transparenz kann dazu beitragen, dass sich der Sterbende sicherer fühlt und möglicherweise leichter „loslassen“ kann. Allerdings bleibt festzuhalten, dass nicht alle Menschen gleich reagieren. Während manche die Anwesenheit anderer benötigen, um in Frieden sterben zu können, ziehen es andere vor, allein zu gehen.

Dieser Text greift Themen und Fakten aus einer Quelle auf und gibt sie in eigenen Worten wieder, angepasst an Sprachniveau C1.

Lizenz des Textes und des Quiz: CC BY-NC 4.0

Text bewerten: Kommentieren:
Teilen:

Quiz

Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Was deutet darauf hin, dass Sterbende ihren Todeszeitpunkt beeinflussen können?
  2. 2. Was zeigte die Studie von David Phillips aus dem Jahr 1990?
  3. 3. Welche Rolle könnte das Gehör im Sterbeprozess spielen?
  4. 4. Warum ist es wichtig, Sterbenden zu erklären, was um sie herum passiert?
  5. 5. Welche Schlussfolgerung lässt sich aus den verschiedenen Beobachtungen ziehen?
  6. 6. Was könnte ein Grund dafür sein, dass manche Menschen allein sterben?
Quiz bewerten: Kommentieren:

Weiterlesen

B2 Sprachniveau ändern C2