Kirchen im Ruhrgebiet zwischen Sakralität, Säkularisierung und kultureller Rekontextualisierung: Eine Analyse der Manifesta 16 im Spannungsfeld von Architekturgeschichte und gesellschaftlichem Wandel
Säkularisierung und Profanierung: Die Krise des sakralen Raums im postindustriellen Ruhrgebiet
Das Ruhrgebiet, historisch geprägt durch Montanindustrie und eine ausgeprägte kirchliche Infrastruktur, steht paradigmatisch für die Herausforderungen der Säkularisierung in Deutschland. Der Mitgliederschwund in den beiden großen christlichen Konfessionen führt zu einer zunehmenden Profanierung von Gotteshäusern – ein Prozess, der nicht nur religiöse, sondern auch städtebauliche und identitätspolitische Fragen aufwirft. Jährlich werden Dutzende Kirchen ihrer sakralen Funktion entkleidet, doch ihre architektonische und symbolische Präsenz bleibt bestehen. Die Manifesta 16, die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, nimmt diese Entwicklung zum Anlass, um unter dem Titel "Das ist keine Kirche" zwölf leerstehende Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen als Ausstellungsorte zu bespielen und damit eine öffentliche Debatte über die Zukunft dieser Räume anzustoßen.
Die Manifesta 16 als Laboratorium der Sakralraumtransformation
Die Manifesta 16 fungiert als Katalysator für die Rekontextualisierung sakraler Räume. Durch ortsspezifische Kunstinstallationen werden die historischen und architektonischen Besonderheiten der Kirchen aufgegriffen und in einen neuen, profanen Kontext überführt. In der Duisburger Liebfrauenkirche inszeniert Emil Walde eine raumgreifende Installation aus beschädigten Drahtglasfenstern des Hauptbahnhofs, die in den Beichtstühlen der Kirche neu arrangiert werden. Diese Arbeit thematisiert nicht nur die Zerstörung und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit, sondern reflektiert auch die ambivalente Beziehung zwischen Sakralität und Profanität. In St. Anna in Gelsenkirchen wird der sakrale Raum durch die Einrichtung eines Basketballplatzes radikal umgedeutet – eine Provokation, die die Grenzen zwischen Heiligem und Alltäglichem bewusst verwischt.
Kirchenbau nach 1945: Moderne Architektur als Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Neuorientierung
Die heutige Situation der Kirchen im Ruhrgebiet lässt sich nur vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsgeschichte verstehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bot der Wiederaufbau die Möglichkeit, mit modernen architektonischen Konzepten zu experimentieren. Architekten wie Rudolf Schwarz, der über 100 Kirchen entwarf, oder Otto Bartning, der die sogenannten "Notkirchen" als Bausätze entwickelte, prägten diese Ära. Ihre Bauten waren Ausdruck eines demokratischen Neuanfangs: schlicht, funktional und auf Augenhöhe mit den Menschen. Die Kirchen sollten nicht nur Orte des Gebets, sondern auch soziale Zentren sein, die Bibliotheken, Seniorentreffs und Kinderbetreuung anboten. Diese Multifunktionalität war ein bewusster Gegenentwurf zum monumentalen Baustil der NS-Zeit und sollte die junge Bundesrepublik als progressiv und weltoffen positionieren.
Die politische Dimension des Kirchenbaus: Architektur als Instrument der Identitätsstiftung
Der Kirchenbau der Nachkriegszeit war eng mit der politischen und gesellschaftlichen Neuorientierung der Bundesrepublik verknüpft. Kunsthistorikerin Manuela Klauser betont, dass die moderne Architektur der Kirchen als bewusste Abgrenzung zum Nationalsozialismus verstanden werden muss. Die Schmucklosigkeit vieler Bauten war theologisch begründet: Sie sollte den Gläubigen Raum für eigene Spiritualität bieten und gleichzeitig eine klare Distanz zu den pompösen Inszenierungen der NS-Architektur markieren. Die hohe Dichte an Kirchen im Ruhrgebiet – rund 1000 wurden gebaut – war Ausdruck eines kirchlichen Selbstverständnisses, das die Gemeinde als Herzstück des sozialen Lebens verstand. Die sogenannten "Pantoffelkirchen" sollten für alle Gemeindemitglieder schnell erreichbar sein und damit die kirchliche Präsenz im Alltag der Menschen verankern.
Von der Kunst zur Gemeinschaft: Zukunftsperspektiven für sakrale Räume
Die Manifesta 16 zeigt mit ihrer Programmsparte "16+" mögliche Wege für die Zukunft der Kirchen auf. Ausgewählte Projekte wie "Catch the Light - Build Bridges" in der Christuskirche Herne oder "Go(o)d Kitchen" in der Kirche Heilige Familie in Oberhausen zielen darauf ab, die Gebäude als Orte der Begegnung, des Lernens und der interkulturellen Verständigung zu etablieren. Diese Initiativen verdeutlichen, dass Kirchen auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen können – allerdings nur, wenn sie sich von ihrer traditionellen Funktion lösen und neue, inklusive Nutzungsformen entwickeln. Die Manifesta 16 leistet damit einen Beitrag zur Debatte über die Sakralraumtransformation und zeigt, dass Kunst ein mächtiges Instrument sein kann, um historische Räume neu zu denken und für die Gegenwart zu öffnen.