Moderne Umnutzung: Wie leere Kirchen im Ruhrgebiet zu Kulturzentren werden
Kirchen im Wandel: Vom Gotteshaus zum Kulturort
Das Ruhrgebiet, der größte Ballungsraum Deutschlands, ist bekannt für seine Industriegeschichte und seine vielen Kirchen. Doch die Zeiten ändern sich: Immer weniger Menschen besuchen regelmäßig Gottesdienste, und so stehen viele Kirchen leer. Jedes Jahr werden Dutzende dieser Gotteshäuser "profaniert" – sie verlieren ihre religiöse Funktion. Doch statt sie verfallen zu lassen, suchen Städte und Gemeinden nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Manifesta 16, die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, die 2024 im Ruhrgebiet stattfindet.
Die Manifesta 16: Kunst in leeren Kirchen
Unter dem Titel "Das ist keine Kirche" verwandeln internationale Künstlerinnen und Künstler zwölf leerstehende Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen in Ausstellungsorte. In der Duisburger Liebfrauenkirche inszeniert Emil Walde eine Installation aus alten Drahtglasfenstern des Hauptbahnhofs. In St. Anna in Gelsenkirchen wird eine Ausstellung mit Werken von Künstlern wie Ming Wong und Philipp Gufler gezeigt. Zudem gibt es dort einen Basketballplatz – eine ungewöhnliche, aber willkommene Nutzung des sakralen Raums. Die Manifesta will nicht nur Kunst zeigen, sondern auch Diskussionen anregen: Was passiert mit Kirchen, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben?
Historischer Kontext: Kirchenbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen viele Städte im Ruhrgebiet in Trümmern – auch die Kirchen. Der Wiederaufbau war eine Chance, moderne Architektur auszuprobieren. Architekten wie Rudolf Schwarz und Otto Bartning prägten diese Zeit. Schwarz entwarf viele katholische Kirchen und betonte, wie schwer es war, neue Gotteshäuser zu bauen. Bartning entwickelte die sogenannten "Notkirchen", die als Bausatz geliefert wurden und von den Gemeinden selbst fertiggestellt werden konnten. Diese Kirchen waren schlicht, aber funktional – ein Zeichen der Demokratie und des Neuanfangs.
Kirchen als Spiegel der Gesellschaft
Die Kirchen der Nachkriegszeit waren mehr als nur Gebetsorte. Sie sollten das Herzstück des Gemeindelebens sein und boten soziale Angebote wie Bibliotheken, Seniorentreffs und Kinderbetreuung. Heute stehen viele dieser Kirchen vor einer ungewissen Zukunft. Projekte wie die Manifesta zeigen jedoch, dass sie eine neue Rolle spielen können: als Orte der Begegnung, der Kunst und der Gemeinschaft. In der Christuskirche in Herne wird beispielsweise ein interkulturelles Tanztheaterprojekt umgesetzt, und in der Kirche Heilige Familie in Oberhausen entsteht ein Raum für Jugendliche, in dem sie kochen und bauen lernen können.