Genetische Analysen enthüllen komplexe Sozialstrukturen in der Jungsteinzeit
Das Rätsel des Grabes von Sorsum
In der Jungsteinzeit, etwa zwischen 3350 und 3100 v. Chr., errichteten Menschen in Europa monumentale Megalithgräber. Eines dieser Gräber, entdeckt in Sorsum bei Hildesheim, barg die Überreste von über 100 Individuen. Genetische Analysen dieser Überreste haben nun überraschende Erkenntnisse über die sozialen und familiären Strukturen der damaligen Zeit geliefert.
Kultur und Genetik: Ein komplexes Verhältnis
Die Menschen in Sorsum gehörten kulturell zur Trichterbecherkultur-West, die in einem Gebiet von den östlichen Niederlanden bis nach Niedersachsen verbreitet war. Genetisch jedoch zeigten sie eine größere Nähe zur Wartbergkultur, die im nördlichen Hessen, Ostwestfalen und Südthüringen ansässig war. Diese Diskrepanz zwischen kultureller Praxis und genetischer Herkunft verdeutlicht, dass kulturelle Identitäten nicht zwangsläufig mit genetischen Verwandtschaftsverhältnissen übereinstimmen müssen.
Mobilität und Familienstrukturen
Die genetischen Daten offenbarten, dass Frauen häufig aus externen Gemeinschaften in die Dörfer einwanderten, während Männer tendenziell in ihren Heimatorten verblieben. Diese Praxis der patrilokalen Residenz wurde bereits an anderen jungsteinzeitlichen Fundorten in Europa beobachtet. Besonders bemerkenswert ist der Fund eines Mannes in Niedertiefenbach (Hessen) und seines Sohnes in Sorsum, die etwa 225 Kilometer voneinander entfernt bestattet wurden. Dies stellt die bislang längste nachgewiesene Distanz zwischen verwandten Individuen ersten Grades im Neolithikum dar.
Polygame Beziehungen und Patchwork-Gemeinschaften
Die Analysen zeigten zudem, dass einige Männer Kinder mit mehreren Frauen hatten. In Sorsum fand sich beispielsweise ein Mann, der mit vier verschiedenen Frauen fünf Kinder zeugte. Dies deutet auf polygame Beziehungen oder serielle Partnerschaften hin. Darüber hinaus fanden sich in den Gräbern nicht nur biologisch verwandte Personen, sondern auch Individuen, die durch soziale Bindungen verbunden waren. Dies legt nahe, dass die Gemeinschaften der Jungsteinzeit eher Patchwork-Familien glichen, in denen soziale Beziehungen eine zentrale Rolle spielten.
Implikationen für die archäologische Forschung
Die Studie von Johannes Müller, Ben Krause-Kyora und ihrem Team wirft ein neues Licht auf die sozialen Strukturen der Jungsteinzeit. Die Ergebnisse zeigen, dass die damaligen Gemeinschaften komplexer und mobiler waren als bisher angenommen. Zudem unterstreichen sie die Bedeutung interdisziplinärer Ansätze, die genetische, archäologische und kulturelle Daten integrieren, um ein umfassenderes Bild der Vergangenheit zu zeichnen.