Zerwürfnis im Exil: Sergej Tichanowski stellt die Führung Swetlana Tichanowskajas infrage
Bild: Estonian Foreign Ministry · Quelle · CC BY 2.0
Politik Ausland

Zerwürfnis im Exil: Sergej Tichanowski stellt die Führung Swetlana Tichanowskajas infrage

Verhaftung und politische Karriere

Der 48-jährige belarussische Blogger und Regimekritiker Sergej Tichanowski wurde im Mai 2020 in Belarus festgenommen, nachdem er angekündigt hatte, bei der anstehenden Präsidentenwahl gegen Machthaber Alexander Lukaschenko kandidieren zu wollen. Im Dezember 2021 verurteilte ein Gericht ihn zu 18 Jahren Haft, unter anderem wegen der Organisation von Massenunruhen. Nach seiner Inhaftierung rückte seine Frau Swetlana Tichanowskaja an seine Stelle und forderte Lukaschenko als Präsidentschaftskandidatin heraus. Trotz massiver Betrugsvorwürfe wurde Lukaschenko nach der Wahl im August 2020 offiziell zum Sieger erklärt, was im Land beispiellose Massenproteste auslöste. Diese wurden gewaltsam niedergeschlagen, tausende Regierungskritiker wurden festgenommen oder flohen ins Exil. Auch Swetlana Tichanowskaja verließ ihre Heimat und wurde zur führenden Vertreterin der belarussischen Demokratiebewegung. Während der inzwischen 32-jährigen Herrschaft des Lukaschenko-Regimes hat die belarussische Opposition viele Krisen durchlebt. Am 21. Juni 2025 wurde Sergej Tichanowski nach fast fünf Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und zwangsweise außer Landes gebracht.

Öffentliche Vorwürfe und politische Forderungen

Heute hält sich der ehemalige politische Häftling in den USA auf und ist nach eigenen Angaben derzeit nicht berufstätig. Rund 14 Monate nach seiner Freilassung hat er sich wieder seinem YouTube-Kanal @stranazhizni (Land des Lebens) angenommen, dessen Streams Tausende verfolgen. Dort kritisiert er nicht nur die Herrschaft von Alexander Lukaschenko, sondern auch das Büro von Swetlana Tichanowskaja, belarussische Exil-Medien, Analysten und andere. Tichanowski behauptet, während Swetlana offensichtlich eine gewisse Legitimität seitens der Europäischen Union genieße, hätten die Menschen, die heute ruhig und schweigsam in Belarus leben, ihr diese Legitimation nicht gegeben. Viele derer, die 2020 für sie als gemeinsame Kandidatin der Oppositionskräfte gestimmt hätten, bereuten dies heute. Er sagt außerdem, die Mehrheit der Belarussen im Ausland sei inzwischen unpolitisch geworden. Er wirft seiner Frau vor, all die Jahre Fotos von ihnen auf ihren Mappen herumgetragen zu haben, um bei westlichen Partnern Fördergelder zu erschleichen. Stattdessen schlägt er unter der Bezeichnung "Vereinigtes Büro der demokratischen Kräfte" die Bildung eines Aufsichtsrats aus ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, Anführern der Proteste und Symbolfiguren der Revolution vor, dem unter anderem Wiktor Babariko, Walerij und Weronika Zepkalo, Senon Posnjak, Pawel Sewerinez, Pawel Latuschko und Nikolaj Statkewitsch angehören könnten.

Die familiäre Dimension des Konflikts

Swetlana Tichanowskaja hält sich in Polen auf, wo auch die beiden Kinder des Paares – ein Sohn im Teenageralter und eine jüngere Tochter – eine Schule besuchen. Bekannt ist, dass die Kinder eine Zeit lang bei ihrem Vater in den USA waren, heute jedoch in Polen bei ihrer Mutter leben. Weder sie noch ihr Büro äußern sich zu der Familiensituation oder zu den Vorwürfen ihres Mannes. Schon vor dem öffentlichen Streit vermied die Anführerin der belarussischen demokratischen Kräfte Kommentare zu ihrem Mann. In einem DW-Gespräch im Dezember 2025 sagte Tichanowskaja lediglich, was im öffentlichen Raum geschehe und was zu Hause passiere, seien verschiedene Dinge. Sie habe Verständnis für Sergejs ausgeprägte Traumatisierung und seine sehr scharfen Reaktionen auf bestimmte Ereignisse, da er fünf Jahre im Gefängnis war. Man müsse Fehler im Nachhinein analysieren, aber solche Diskussionen nicht in die Öffentlichkeit tragen. Sie wolle das privat mit ihm klären.

Politische Einordnung und internationale Dimension

Der Politologe Jurij Drakochrust bezeichnet die gegenwärtige Situation innerhalb der demokratischen Kräfte als Krise und stellt fest, dass Sergej nun wieder der sei, der er früher gewesen sei, mit all seinen charakterlichen Eigenheiten. Er bezweifelt, dass sich Tichanowski in dem von ihm vorgeschlagenen Aufsichtsrat mit all seinen Mitgliedern einigen könnte. Zudem habe sich inzwischen gerade seine Frau mit ihrem Büro bestimmte Vermögenswerte, Ressourcen und einen Status erarbeitet. Sie werde auf hoher Ebene empfangen, wenn auch nicht als gewählte Präsidentin, so doch als Führungspersönlichkeit für Belarus. Die Geldgeber fragten bei ihr nach, wie Gelder verteilt werden sollten. Drakochrust glaubt, dass die belarussische Staatsmacht all dies mit einer Prise Ironie betrachte und bisweilen noch Öl ins Feuer gieße, da es ihr im Grunde egal sei, wer gewinne, Hauptsache es gebe Streit. Zugleich werde so die Aufmerksamkeit des Westens abgelenkt.

Dieser Text greift Themen und Fakten aus einer Quelle auf und gibt sie in eigenen Worten wieder, angepasst an Sprachniveau C2.

Lizenz des Textes und des Quiz: CC BY-NC 4.0

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Mehrere Antworten pro Frage können richtig sein.

  1. 1. Wann wurde Sergej Tichanowski festgenommen?
  2. 2. Zu wie vielen Jahren Haft wurde er verurteilt?
  3. 3. Was behauptet er über die Legitimität seiner Frau?
  4. 4. Was schlägt er als Alternative vor?
  5. 5. Wie bezeichnet Drakochrust die aktuelle Lage?
  6. 6. Was macht das belarussische Regime laut Drakochrust?
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