Dark Tourism in St. Pauli: Die Faszination des Grauens und seine gesellschaftlichen Dimensionen
Die dunkle Seite des Tourismus: Dark Tourism in Hamburg
Der Begriff Dark Tourism, wörtlich übersetzt „dunkler Tourismus“, bezeichnet Reisen und Ausflüge an Orte, die in irgendeiner Form mit Verbrechen, Tod, Leiden oder menschlichem Grauen assoziiert werden. Dieses Phänomen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem globalen Reisetrend entwickelt, der auch in Deutschland stark zunimmt. Besonders in Hamburg, genauer gesagt im Stadtteil St. Pauli, hat sich ein umfangreiches Angebot etabliert. Dort bietet Tourguide Sarah regelmäßig Führungen an, die weit über die üblichen Sehenswürdigkeiten hinausgehen. Statt zum Beatles-Platz führt sie ihre Gruppen zu Schauplätzen vergangener Gewalttaten und Kriminalität. Vor der legendären Boxkneipe Zur Ritze erzählt sie von den blutigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Zuhälterbanden und berüchtigten Luden wie Karate-Tommy. Auch der Aufstieg der Hells Angels in dem Viertel sowie die verheerende Kokainschwemme der 1980er-Jahre, die das gesamte Milieu veränderte, sind zentrale Themen ihrer Erzählungen.
Formen und Angebote des Dark Tourism
Das Spektrum an Zielen und Erlebnissen im Bereich Dark Tourism ist äußerst vielfältig und reicht weit über die bloßen Schauplätze von Verbrechen hinaus. Dazu zählen dezidierte Ausstellungen wie Foltermuseen, historische Schauplätze wie Katakomben, Mausoleen und ehemalige Gefängnisse sowie Friedhöfe und sogenannte Lost Places. Lost Places sind dabei verlassene Gebäude oder Anlagen, etwa die Beelitzer Heilstätten oder die Sophienheilstätten, die heute beliebte Ausflugsziele darstellen. Darüber hinaus haben sich rund um das Thema True Crime zahlreiche Medienformate entwickelt, darunter Podcasts, Fernsehshows und Doku-Reihen, die das öffentliche Interesse zusätzlich anheizen. Parallel dazu wächst das touristische Angebot kontinuierlich: In immer mehr europäischen Städten werden Krimitouren, nächtliche Wanderungen, Führungen durch Lost Places und historische Kulissen wie Gefängnisse angeboten. Plattformen wie GetYourGuide ermöglichen dabei eine einfache Buchung dieser speziellen Erlebnisse. Auch Institutionen wie das Hamburger Dungeon oder die Halloween-Nächte großer Freizeitparks zählen in Deutschland zu den beliebtesten Angeboten dieser Art.
Psychologische und gesellschaftliche Beweggründe
Die Frage nach den Motiven der Besucher beschäftigt die Wissenschaft intensiv. Professorin Sylvia Kesper-Biermann von der Universität Hamburg, die sich in ihren Studien zur Geschichte von Kriminalität und Strafrecht mit dem Phänomen auseinandergesetzt hat, identifiziert drei zentrale Aspekte. Zum einen ist der Tod im Alltag der westlichen Gesellschaft weitgehend ausgeblendet und kaum präsent. Im Rahmen des Dark Tourism hingegen können die Teilnehmenden selbst entscheiden, wie, wann und in welcher Intensität sie mit dem Thema in Berührung kommen möchten. Dabei befinden sie sich in der Rolle beobachtender Dritter mit ausreichendem Sicherheitsabstand, ähnlich wie bei Fernsehkrimis oder True-Crime-Formaten. Zum anderen dient die Konfrontation mit dem Bösen einer Form der Selbstvalidierung und Identitätsbildung: Wer das Böse vor Augen hat, wird sich darüber klar, wie wir miteinander leben wollen und was sich nicht wiederholen darf. Als dritten Punkt nennt Kesper-Biermann die starke Emotionalität solcher Erlebnisse. Einige Besucher berichten, dass sie sich durch die Touren nicht ängstlicher fühlen, sondern diese eher als Prävention verstehen im Sinne von: „Das kann einem also alles passieren.“
St. Pauli als historischer Mikrokosmos
Die Touren in St. Pauli enden typischerweise vor der Davidwache, dem berühmten Polizeikommissariat, das für die Sicherheit im Viertel sorgt. Doch zuvor führt Sarah die Gruppe auch in die sogenannte Unterwelt des Kiezes. Durch den Verkaufsraum eines Kiosks gelangt man über eine steile Treppe in eine Katakombe, die früher über ein ausgedehntes Tunnelsystem mit dem Hafen verbunden war. Von dort aus ließ sich Ware völlig unbemerkt schmuggeln. Ein weiteres bedeutendes Kapitel der Tour ist das ehemalige Chinesenviertel, das in den 1920er-Jahren von chinesischen Seeleuten gegründet wurde und Lokale sowie Geschäfte beherbergte. Während des Zweiten Weltkriegs nahm diese Gemeinschaft ein grausames Ende, als das NS-Regime dutzende Anwohner mit Migrationshintergrund in Arbeitslager deportierte, wo viele von ihnen starben. Diese historischen Ereignisse verdeutlichen, dass Dark Tourism weit mehr ist als bloße Spuk- und Schauergeschichten, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche und politische Dimensionen umfasst. Sarah betont abschließend, dass Kriminalität damals wie heute in allen Bereichen der Gesellschaft stattfindet und das Viertel St. Pauli dabei lediglich ein Spiegel dieser Realität ist.