Strukturelle Benachteiligung und Altersarmut der ersten Gastarbeitergeneration
Die historische Dimension der Gastarbeiteranwerbung
Vor 65 Jahren erreichten die ersten sogenannten Gastarbeiter den Düsseldorfer Flughafen, wo ihnen der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Henrik Wüst Mitte September in einem feierlichen Akt seinen Dank aussprach. Sie hatten das Wagnis unternommen, ihre Heimat zu verlassen und sich auf ein neues Leben einzulassen. Bis zum Anwerbestopp 1973 waren allein 870.000 türkische Staatsangehörige in die Bundesrepublik gekommen, um in den Bergbauzechen zu schuften, Akkordarbeit an den Fließbändern zu verrichten oder die Fabrikhallen zu reinigen. Die Mehrheit von ihnen entschied sich gegen eine Rückkehr in die Herkunftsländer und etablierte sich dauerhaft in Städten wie Düsseldorf, Köln oder Duisburg. Wüst würdigte ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Wohlstand und hob hervor, dass sie die Bundesrepublik vielfältiger, offener und stärker gemacht hätten. Gleichwohl machte er unmissverständlich klar, dass das Ziel einer diskriminierungsfreien Gesellschaft noch nicht erreicht sei. Das Anwerbeabkommen von 1961 stellt somit einen ambivalenten Einschnitt in der deutschen Migrations- und Sozialgeschichte dar.
Zwischen Integration und struktureller Ausgrenzung
Zwar wird das Abkommen gemeinhin als Erfolgsgeschichte gewertet, da es Bildungsaufstiegen, beruflichen Karrieren und politischen Ämtern – exemplarisch verkörpert durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Cem Özdemir – den Weg ebnete. Doch laut Professor Haci-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen, dessen Vater 1971 nach Berlin gekommen war und in der Textilbranche tätig gewesen ist, besteht nach wie vor erhebliche Diskriminierung gegenüber türkeistämmigen Menschen. Uslucan, der sich mit den Schattenseiten der Zuwanderung beschäftigt, verweist insbesondere auf die zunehmende soziale Isolation älterer Migranten im Rentenalter. Darüber hinaus beschäftigt ihn die alarmierende Altersarmut in dieser Bevölkerungsgruppe. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass trotz individueller Aufstiege systematische Benachteiligungen fortbestehen. Viele der damaligen Zuwanderer waren unmittelbar in industrielle Arbeitsprozesse eingebunden, ohne Zugang zu höherer Bildung zu haben. Diese Diskrepanz zwischen individuellem Erfolg und kollektiver Benachteiligung prägt das gesellschaftliche Bild.
Ökonomische Disparitäten im Alter
Die materiellen Folgen der damaligen Arbeitsbedingungen manifestieren sich heute in erheblichen ökonomischen Disparitäten: Die Altersarmut liegt bei Migranten mit 25 bis 30 Prozent doppelt so hoch wie bei der autochthonen Bevölkerung mit 12 bis 14 Prozent. Auch die Invaliditätsraten und Frühverrentungen weisen eine deutlich höhere Prävalenz auf, was auf die intensive körperliche Belastung der ersten Generation zurückzuführen ist. Eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung belegt, dass Rentenempfänger mit türkischer Staatsangehörigkeit durchschnittlich 360 Euro weniger beziehen – Ende 2025 belief sich ihre monatliche Rente auf 890 Euro, während deutsche Rentner 1250 Euro erhielten. Der Anteil der Grundsicherungsempfänger unter den türkischen Staatsangehörigen ist mit 9,3 Prozent mehr als dreimal so hoch wie bei den Deutschen mit 2,7 Prozent. Zudem ist die Beschäftigungsquote älterer Migranten mit 5,2 Prozent nur halb so hoch wie die der Deutschen mit 10,8 Prozent. Aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen oder unzureichender Qualifikation sind viele von ihnen nicht mehr in der Lage, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ihnen standen zudem keine beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten offen. Ihre Erwerbskarrieren waren durch diskontinuierliche Beschäftigungsverhältnisse geprägt.
Systemische Ursachen und gesellschaftliche Verantwortung
Sozialwissenschaftler wie Eric Seils von der Hans-Böckler-Stiftung und Janina Söhn vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen analysieren die systemischen Ursachen dieser prekären Lage. Seils führt die niedrigen Renten auf die geringen Stundenlöhne und die häufig unterbrochenen Erwerbsbiografien zurück, die sich aus der Deindustrialisierung und der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre ergaben. Söhn weist darauf hin, dass nahezu ein Drittel der Zugewanderten armutsgefährdet ist, wobei alleinlebende Migrantinnen eine besonders vulnerable Gruppe darstellen. Beide Forscher kritisieren das Fehlen von Weiterbildungsinitiativen für die Gastarbeitergeneration, während sich die einheimische Bevölkerung weiterqualifizieren konnte. Diejenige Generation, die die physisch anspruchsvollsten Tätigkeiten verrichtete und für den wirtschaftlichen Erfolg unverzichtbar war, musste dafür mit ihrer Gesundheit bezahlen. Diese doppelte Benachteiligung – geringe materielle Absicherung gepaart mit gesundheitlichen Schäden – stellt eine nach wie vor ungelöste gesellschaftliche Herausforderung dar. Eine angemessene Anerkennung und Absicherung dieser Leistungen steht bis heute aus. Die Forschung unterstreicht die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Alterssicherungspolitik.