Ratko Mladić: Die Ambivalenz der Erinnerungskultur in Bosnien und Serbien
Ein verurteilter Kriegsverbrecher und seine Verehrer
Ratko Mladić, der ehemalige Kommandeur der Armee der bosnischen Serben, starb 2026 in einem Gefängniskrankenhaus. Seine Verurteilung wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen war zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast einem Jahrzehnt rechtskräftig. Dennoch wird Mladić in der Republika Srpska und in Serbien als Held und nationales Symbol verehrt. Diese Verehrung steht in direktem Widerspruch zu den Urteilen internationaler Gerichte.
Öffentliche Trauer und politische Instrumentalisierung
In der Republika Srpska, die etwa 49 Prozent des bosnischen Territoriums umfasst, riefen führende Politiker die Bevölkerung dazu auf, sich auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und Kerzen für Mladić anzuzünden. Milorad Dodik, eine einflussreiche politische Figur, bezeichnete Mladićs Tod als "Mord" und suggerierte ein "organisiertes Vorgehen" gegen ihn. Auch der Bürgermeister von Banja Luka, Drasko Stanivukovic, sieht in Mladić ein Symbol des Widerstands. Diese Aussagen zeigen, wie stark die politische Instrumentalisierung von Mladićs Vermächtnis ist.
Institutionelle Unterstützung aus Serbien
Die Unterstützung für Mladić kommt nicht nur aus der Republika Srpska, sondern auch aus Serbien. Der serbische Justizminister kündigte ein Staatsbegräbnis mit höchsten militärischen Ehren an. Präsident Aleksandar Vučić kritisierte das Haager Tribunal und warf ihm "unzivilisiertes Verhalten" vor. Ex-Innenminister Aleksandar Vulin stellte Mladić in eine Reihe mit anderen serbischen Nationalhelden und verknüpfte dessen Schicksal mit dem von Gavrilo Princip. Diese institutionelle Unterstützung zeigt, wie tief die Verherrlichung von Kriegsverbrechern in Teilen der serbischen Gesellschaft verankert ist.
Kritik und internationale Reaktionen
Während Mladić in Teilen Bosniens und Serbiens verehrt wird, gibt es auch scharfe Kritik. Die NGO Europäische Bewegung Serbien warnte, ein Staatsbegräbnis käme einer "institutionellen Verherrlichung" gleich und stelle einen "schwerwiegenden moralischen, rechtlichen und politischen Angriff auf Serbien" dar. In der Föderation Bosnien und Herzegowina betonten Vertreter von Opfern und Überlebenden, dass jede Verherrlichung Mladićs eine direkte Beleidigung für die Familien der Opfer sei. Die Europäische Kommission erklärte, die Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher widerspreche den grundlegendsten europäischen Werten.
Die Rolle des Dayton-Abkommens und die Spaltung Bosniens
Das Dayton-Abkommen beendete 1995 den Krieg in Bosnien, schuf jedoch eine komplexe politische Struktur, die ethnische Spannungen festschrieb. Die Republika Srpska wurde als eine der beiden Entitäten anerkannt, was bis heute zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft führt. Da das Abkommen keine Mechanismen zur Aufarbeitung der Vergangenheit enthält, bleibt die Leugnung oder Relativierung von Kriegsverbrechen eine politische Ressource. Dies verhindert eine gemeinsame Anerkennung des begangenen Unrechts und damit auch Versöhnung.