Pubbing statt Phubbing: Rettet die Pubs!
Die Atmosphäre des Pubs
Der Autor beschreibt Pubs als einzigartige Räume, die eine perfekte Mischung aus gegenwärtigem Erleben und zeitloser Atmosphäre bieten. Diese holzvertäfelten, aus der Zeit gefallenen Lokale zeichnen sich durch ein goldenes Licht aus, das wie ein Weichzeichner wirkt. In den Ritzen der Einrichtung überdauert die Zeit in Form von Zigarettengilb vergangener Jahre. Zapfhähne und Spielautomaten blinken, während irgendwo ein Fernseher flimmert, dessen Anwesenheit bewusst beiläufig gestaltet ist. Um den Tresen herum entfaltet sich ein ganzer Lebensraum, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen. Sie trinken dasselbe Bier, verfolgen dieselben Sportereignisse und singen dieselben Lieder. Dabei werden aktuelle Themen verhandelt, und zwar ehrlicher, ungestelzter und ungefilterter als in jedem Parlament. Die Atmosphäre lädt zum Verweilen ein und schafft eine besondere Stimmung der Gemeinschaft.
Pubs als Anker für Alleinreisende
Für den Autor, der gerne alleine reist, stellen Pubs unverzichtbare Ankerpunkte dar. Diese Einrichtungen öffnen sich den Gästen ohne jegliche Vorbehalte oder Fragen. Als „Public House“ sind sie per Definition öffentlich zugänglich und bieten Raum für das Alleinsein, ohne einsam zu sein. Man muss sich nicht aktiv in eine bestehende Runde integrieren oder gezwungenermaßen Gespräche führen. Es genügt, einfach präsent zu sein, gelegentlich einen Kommentar abzugeben oder auch nur schweigend zuzuhören. Diese Form der Teilhabe ermöglicht es, mehr über einen Ort zu erfahren als bei einer zweistündigen Stadtführung. Pubs schaffen eine besondere Form der Willkommenskultur, die ohne Arroganz und Hybris auskommt. Diese niederschwellige Form der Begegnung fördert das soziale Miteinander auf natürliche Weise.
Das Phänomen des Pubsterbens
Dennoch sind das Allein-aber-nicht-einsam-Sein, das Im-Hier-und-Jetzt-Sein und das ungezwungene Gesprächsführen bedrohte Gepflogenheiten. Studien belegen, dass Menschen zunehmend weniger miteinander reden und seltener konzentriert im Moment verweilen. Gleichzeitig fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Besonders dramatisch ist der Rückgang der Pubs, Wirtshäuser und Eckkneipen, die immer schneller schließen. Mehrere Faktoren beschleunigen diesen Prozess: Der verbreitete Homeoffice-Trend verbannt den Pub aus dem täglichen Arbeitsweg, gestiegene Energiepreise und Lebenshaltungskosten belasten die Betreiber, und ein akuter Mangel an Arbeitskräften erschwert den Betrieb. In Großbritannien verschärft der Brexit die Lage zusätzlich. Der Trend zu Selbstoptimierung und Abstinenz steht zudem im Widerspruch zur traditionellen Bierseligkeit. Zu Hause erscheint alles günstiger, praktischer und bequemer, doch diese Bequemlichkeit hat ihren Preis.
Die demokratische Dimension des Pubs
Der Autor betrachtet diese Entwicklung als äußerst bedenklich, insbesondere angesichts der aktuellen Identitätskrise Europas. Gespräche, die nicht sofort viral gehen und nicht von Talkshow-Castern orchestriert werden, stellen demokratische Grundpfeiler dar. In Pubs finden Debatten statt, die weitgehend losgelöst von gesellschaftlichen Hierarchien und Konventionen sind. Der Autor erinnert sich an einen Abend in Manchester im September 1998, als er mit einem Freund die Ergebnisse der Bundestagswahl verfolgen wollte. Obwohl das Fußballspiel bereits beendet war, schaltete der Wirt auf Bitten der Gäste den Fernseher ein und suchte einen Nachrichtensender. An jenem Abend endete die 16-jährige Kanzlerschaft Helmut Kohls, und alle Anwesenden stießen auf den politischen Neuanfang an. Solche Erlebnisse machen Pubs zu Mikrolaboren des Weltgeschehens, weshalb der Autor eindringlich daran appelliert, diese gewachsenen Lebensräume durch regelmäßigen Besuch zu retten.