Schlafforschung bei Spinnen: Neue Erkenntnisse
Schlafen ohne Augenlider
Springspinnen der Art Portia fimbriata besitzen keine Augenlider, schlafen aber dennoch nachts. Diese überraschende Beobachtung machte ein Forschungsteam der Universität Bonn um die Biologin Daniela Rößler. Die Wissenschaftler vermuteten schon länger, dass die Achtbeiner tatsächlich schlafen, konnten es aber aufgrund der fehlenden Augenlider nicht eindeutig beweisen. Mithilfe einer Infrarotkamera beobachteten sie die Spinnen daher über mehrere Nächte hinweg und analysierten das nächtliche Verhalten genau. Dabei entdeckten sie eine charakteristische Schlafhaltung: Die Tiere hängen reglos an Seidenfäden, senken den Hinterleib leicht ab und ziehen die Taster dicht unter den Körper. Diese entspannte Position halten sie etwa elf Stunden lang konsequent ein, bevor sie wieder aktiv werden und auf Jagd gehen.
REM-ähnliche Phasen bei Spinnen
Während der rund elfstündigen Ruhephase zeigten die Spinnen zwei verschiedene Schlafstadien. In einer davon zuckten Beine, Taster und Kieferklauen der Tiere rhythmisch und unwillkürlich. Besonders auffällig war dabei die Bewegung der Netzhaut in den großen Vorderaugen der Springspinnen. Diese schnellen Augenbewegungen erinnern frappierend an den REM-Schlaf bei Säugetieren, der mit lebhaften Träumen einhergeht. Die Forscher registrierten rund zwölf solcher REM-Episoden pro Nacht. In dieser Phase reagierten die Tiere deutlich schlechter auf äußere Reize als im Wachzustand. Auf einen anschwellenden Ton brauchten sie im Durchschnitt mehr als doppelt so lange wie sonst. Vier von zehn untersuchten Spinnen schliefen sogar so tief, dass sie auf den Weckton überhaupt keine Regung zeigten.
Experimente zum Schlafmangel
Um die Bedeutung des Schlafs zu testen, setzte das Team in einer Nacht pro Tier 25 wuselige Taufliegen als nächtliche Störenfriede in die Plexiglasboxen ein. Die kleinen umherlaufenden Insekten brachten die Spinnen immer wieder aus der Ruhe und verhinderten so erholsamen Schlaf. Dadurch blieben die REM-ähnlichen Episoden vollständig aus und die nächtlichen Ruhephasen waren stark zerstückelt. In der folgenden Nacht holten die Spinnen den verlorenen Schlaf jedoch vollständig nach. Sie schliefen insgesamt deutlich länger und die Gesamtzeit in REM-ähnlichen Zuständen verdoppelte sich nahezu. Ob der Schlaf bei Spinnen nur der körperlichen Regeneration dient oder auch der Festigung von tagsüber Gelerntem, bleibt vorerst wissenschaftlich offen. Die Forscher planen weitere Studien zu diesem Thema.