Syriens langer Weg: Von der Kolonialzeit über den Bürgerkrieg zur ungewissen Zukunft
Die koloniale Konstruktion Syriens und die autoritäre Ära
Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte das heutige Syrien zum Osmanischen Reich, das als Verlierermacht aus dem Krieg hervorging. Im Vertrag von Sèvres wurden die osmanischen Besitzungen im Nahen Osten dem Völkerbund unterstellt und anschließend von den Siegermächten Frankreich und Großbritannien untereinander aufgeteilt. Dabei orientierten sich die Kolonialmächte primär an ihren wirtschaftlichen Interessen, insbesondere am Zugang zu Rohstoffen, und schenkten den ethnischen und konfessionellen Realitäten vor Ort kaum Beachtung. Auf diese Weise entstanden künstliche Vielvölkerstaaten, zu denen auch Syrien gehörte, das als französisches Mandatsgebiet verwaltet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte Syrien die staatliche Unabhängigkeit, doch das junge Land blieb politisch äußerst instabil. Wiederholt versuchten verschiedene Volksgruppen mit Gewalt an die Macht zu gelangen. Schließlich gelang es 1970 dem Armeechef Hafiz al-Assad, ohne Wahlen oder demokratische Legitimation die Macht zu ergreifen. Als Angehöriger der alawitischen Glaubensgemeinschaft, die nur eine Minderheit der Bevölkerung ausmacht, sicherte er seiner Gruppe jedoch die dominante politische Stellung. Andere Bevölkerungsgruppen verfügten über deutlich weniger Rechte. Wer die Regierung kritisierte, wurde systematisch eingesperrt oder getötet. Dank der Erdölförderung erlebte die Wirtschaft zunächst einen Aufschwung, doch mit der Zeit konnte das Wachstum nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten. Zudem hatte die Regierung hohe Schulden im Ausland aufgenommen, und die Arbeitslosigkeit stieg. 2000 starb Hafiz al-Assad, und sein Sohn Baschar übernahm die Macht.
Der Arabische Frühling und die Eskalation zum Bürgerkrieg
Im Jahr 2011 erfasste der Arabische Frühling auch Syrien. Überall im Land gingen Bürger auf die Straße und protestierten für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und demokratische Verhältnisse. Die Regierung unter Baschar al-Assad reagierte mit brutaler Gewalt auf die Demonstrationen, wobei zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Daraufhin desertierten Teile der Armee und gründeten die Freie Syrische Armee (FSA), um die protestierende Bevölkerung zu schützen und gegen das Regime zu kämpfen. Der FSA gelang es zunächst, einige Gebiete zu erobern, doch intern herrschte tiefe Uneinigkeit. 2012 spaltete sich eine Fraktion strenggläubiger Islamisten ab, während die übrigen Kämpfer fortan als gemäßigte Rebellen galten. Parallel dazu nutzten die Kurden im Norden die Schwäche der Zentralregierung und begannen Ende 2012 mit dem Aufbau eigener bewaffneter Strukturen. Sie eroberten Gebiete, in denen ihre Volksgruppe lebte. Später trat der Islamische Staat (IS) auf den Plan, eine terroristische Organisation, die gegen alle anderen Konfliktparteien kämpfte. Ihr Ziel war die Errichtung eines radikal-islamischen Gottesstaates in ganz Syrien, in dem strenges islamisches Recht gilt. Dabei ging er brutal vor und zerstörte auch Kulturerbe der Antike. Zeitweise kontrollierte der IS etwa die Hälfte Syriens und des Irak.
Internationale Verstrickungen und der Stellvertreterkrieg
Der Konflikt entwickelte sich zu einem komplexen Stellvertreterkrieg. Russland und der Iran unterstützten von Anfang an die Assad-Regierung, auch im UN-Sicherheitsrat. Die USA und westliche Staaten förderten die gemäßigten Rebellen, Saudi-Arabien die radikalen. Alle waren sich einig, den IS zu bekämpfen, besonders nach den weltweiten Terroranschlägen 2015 und 2016. 2019 vernichteten die USA den IS nahezu vollständig und töteten Abu Bakr al-Baghdadi. Anschließend eroberte die Türkei Gebiete im Norden Syriens und brachte die Kurden dazu, sich mit Assad zu verbünden, da diese in der Türkei verfolgt werden. Seit dem Überfall auf die Ukraine 2022 kann Russland Assad nicht mehr so stark unterstützen, weil es Soldaten dort braucht. Ende 2024 eroberten die Rebellen schnell viel Land. Am 8. Dezember fiel die Hauptstadt Damaskus. Assad floh mit einem Flugzeug nach Moskau und erhielt dort Asyl.
Die Übergangsregierung und die offene Zukunft
Seitdem gibt es in Syrien eine Übergangsregierung. Seit 2025 steht an ihrer Spitze Präsident Ahmed al-Scharaa. Er verspricht, das Land zu einer Demokratie zu machen und sich dem Westen anzunähern. Doch es gibt auch Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Gewalt gegen Minderheiten unter seiner Regierung. Der Bürgerkrieg, der seit 2011 dauerte und bei dem mehr als eine halbe Million Menschen starben und Millionen fliehen mussten, ist damit offiziell beendet. Viele Flüchtlinge hoffen nun auf eine Rückkehr in ihre Heimat, insbesondere jene, die nach Europa und Deutschland gekommen waren, um Asyl zu beantragen. Die langfristige Stabilität des Landes bleibt jedoch ungewiss, da die neue Regierung noch viele Herausforderungen zu bewältigen hat. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklung in Syrien weiterhin aufmerksam.