Shinrin Yoku: Die japanische Tradition des Waldbadens im deutschen Winter
Die japanische Tradition des Waldbadens
Waldbaden, auf Japanisch Shinrin Yoku genannt, ist eine Form des bewussten Eintauchens in den Wald. Seit Jahrzehnten wird diese Praxis in ihrem Ursprungsland Japan praktiziert und wissenschaftlich erforscht. In Deutschland gewinnt das Konzept seit einigen Jahren zunehmend an Beliebtheit. Von Stress geplagte Menschen suchen verstärkt ihre Ruhe beim Waldbaden, um dem Alltagsstress zu entfliehen und eine neue Verbindung zur Natur aufzubauen. Dabei handelt es sich um ausführliche Touren durch nahegelegene Wälder, die von verschiedenen Achtsamkeitsübungen ergänzt werden. Die Teilnehmer bewegen sich im gemütlichen Tempo durch die Natur. Auch in der dunklen Jahreszeit wird Waldbaden an zahlreichen Orten Deutschlands angeboten. Dann zeigt sich das Erlebnis durch frostige Böden, verschneite Landschaft oder kühle Winde nochmals von einer ganz anderen Seite.
Sinnliche Erfahrungen im Winterwald
Gesa Gerken, eine 37-jährige Waldpädagogin aus Kutenholz im Landkreis Stade, leitet regelmäßig Gruppen durch den niedersächsischen Wald. Sie zeigt den Teilnehmern, wie man einen Zweig Douglasie zwischen Zeigefinger und Daumen reibt und unter die Nase hält. Der intensive Geruch erinnert an Zitrone und wirkt erfrischend auf die Sinne. Die Teilnehmer riechen außerdem an Baumstämmen, Moos und Fichtenzapfen, um den wohltuenden Waldduft zu genießen. Zudem führt Gerken die Teilnehmer durch spezielle Atemübungen, bei denen die Arme wie beim Bogenschießen bewegt werden. Diese Übungen sind besonders im Winter sinnvoll, wenn sich viele Menschen müde und schlapp fühlen. Sie helfen gegen den Blues in der dunklen Jahreszeit. Bei der eisigen Luft brennt dabei die Nase, aber man fühlt sich richtig frisch.
Wissenschaftliche Skepsis und persönliche Erfahrungen
Während Gesundheitsinstitutionen wie die AOK in Bremen anerkennen, dass ein Aufenthalt im Wald dem Menschen grundsätzlich guttut, äußern sie sich zum kommerziellen Waldbaden als Kursangebot zurückhaltender. Pressesprecher Jörn Hons erklärt, dass der gleiche positive Effekt auch in den Bergen, im Stadtpark oder am Meer erzielt werden könne. Niemand müsse dafür einen teuren Kurs buchen. Derzeit bezuschusst keine gesetzliche Krankenkasse die Kosten für Waldbaden, anders als bei Kursen wie Hatha-Yoga oder Tai-Chi. Teilnehmerin Fleur Ot, eine 45-Jährige mit einem sehr stressigen Job, schützt sich gegen die winterliche Kälte mit Stirnband, dicker Jacke und Handschuhen. Sie berichtet begeistert, dass sie sich nach der Atemübung in der eisigen Luft richtig frisch und belebt fühlt. Auch Petra Seba findet das winterliche Waldbaden genauso entspannend wie im Sommer und schätzt die geleitete Meditation sehr.